Also wollte ich alles Mögliche in Erfahrung bringen: wo sie sich wann getroffen haben, wo sie übernachtet haben, in welcher Reihenfolge sie die Stationen von Capri, Positano, Vesuv, etc. passiert haben. Die Briefe, die sie aus dem Golf von Neapel schreiben, sind voller schöner Apercus, aber bei diesen ganz banalen Fragen sind sie seltsam unergiebig.
»In Paestum, bei Salerno, habe ich zum ersten Male griechische Tempel gesehen, die sich in der Einsamkeit der Fiebergegend stumm und fremd erhielten; sie scheinen so, wie sie bei sich selber sind, eher des Zuspruchs zu bedürfen als daß sie selber redeten«, schreibt zum Beispiel Adorno an seinen Kompositionslehrer Alban Berg. Aber wann waren sie genau dort? Der Brief ist ein Brief nach Ende der Reise aus der Rückschau, alle möglichen Stationen und Beobachtungen werden aufgelistet, er lässt keine genaue Datierung zu.
Es hilft also nichts, man muss ins Archiv. In Deutschen Literaturarchiv Marbach wird Kracauers Bibliothek aufbewahrt, sie hat sich in beeindruckendem Ausmaß erhalten. Man muss für sie in den Keller, aus konservatorischen Gründen ist es unwirtlich kühl. Erstes Glück: Ich finde tatsächlich einen Reiseführer zu Neapel, der von seinem Erscheinungsdatum her der Reiseführer sein könnte, den Kracauer 1925 dabei hatte. Erste Enttäuschung: es ist nicht der Baedecker, der in Asja Lacis’ und Walter Benjamins wichtigem Essay Neapel vorkommt und ja heute noch eine geläufige Marke ist.
Zweite Enttäuschung: es gibt nur eine einzige Markierung darin, sonst ist nichts unterstrichen, angemerkt, noch nicht einmal ein Eselsohr. Also nur ein stummer Zeuge der Reise, wenn er denn überhaupt bei dieser Reise mit dabei war.
Aber dann fallen plötzlich zwei Zettel aus dem schmalen Bändchen: zwei feinziseliert gestaltete Blättchen, augenscheinlich zwei Eintrittskarten. Dreht man sie um, werden sie zu sprechenden Dokumenten – der Stempel macht es mehr als wahrscheinlich: am 24. September 1925 haben Kracauer und Adorno die Tempel von Paestum besucht.
Nüchtern betrachtet: zwei Zettel, die aus einem Buch fallen. Aber für Detailbesessene eines bestimmten Themas: ein kostbarer kleiner Fund!
(Mehr Funde und Dokumente zu Adornos Neapelreise unter https://yalebooks.yale.edu/2025/08/18/the-100th-anniversary-of-critical-theory-in-naples/)
Martin Mittelmeier
Beitragsbild: Poseidontempel und Heraion in Paestum. Aquarell von Y. Gianni (1898).
.
4 antworten auf “Zettel, die aus Büchern fallen”
Ist der Beitrag wirklich vollständig hochgeladen? Selbst wenn die Einleitung aus der Blogübersicht dazugenommen wird, wirkt er unvollständig.
Der Beitrag ist in dieser Form vom Autor freigegeben. (Die Einleitung auf der Startseite und der Haupttext nach Klick gehören auf dem DLA-Blog immer zusammen.)
Lieber Herr Mittelmeier, vielen Dank, mich würde noch interessieren, ob dies neuere Funde sind – oder ob diese schon 2013 für Ihr schönes Buch “Adorno in Neapel” berücksichtigt wurden? Oft ist es ja so, dass gerade nach “vollendeter” Arbeit spannende Details das Bild weiter ausdifferenzieren…
Lieber Herr Steiger, nein kein neuer Fund – er kommt schon in meinem Buch vor, allerdings ganz klein in einer Fußnote, weil er nicht so recht in meinen Argumentationsgang passt. Deswegen habe ich den September 2025 – genau 100 Jahre nach dem Besuch in Paestum – genutzt, um die schöne
Eintrittskarte abzubilden … Vielen Dank, beste Grüße, Martin Mittelmeier