Vorgestellt: Anna Rheinsberg

Unverblümt und provokant – im Rheinsberg-Stil eben – schreibt die Schriftstellerin und Feministin über die Herausforderungen der schreibenden Frau im männerdominierten Literaturbetrieb, mit dem sie sich kritisch auseinandersetzt. Sie betont dabei nicht nur die Herausforderungen, vor die schreibende Frauen gestellt werden, sondern kritisiert auch Veranstaltungen wie die Frankfurter Buchmesse, bei der alternative Verlage und Autor/-innen in der Masse der Großverlage unterzugehen drohen. Sie gehört selbst zum Umkreis der Alternativliteratur. Rückblickend beschreibt sie ihre Zeit im großen Literaturbetrieb erschreckend ungeschönt: »Wenn ich herumschaue […] wie viele kluge Geschichten, Gedichte, Essays, Briefe, Tagebücher, Lieder von Frauen ich in den Fingern, vor Augen gehabt habe – kein Aas hat nicht [sic!] gekümmert«.

 

Schon in ihrer Schulzeit engagierte sich Rheinsberg in Frauengruppen und beteiligte sich an der Frauenzeitschrift Tollkirsche. Mit Kommilitoninnen gründete sie 1979 die Marburger Frauenliteraturzeitung Spinatwachtel. Ein bezeichnender Name, den das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) so definiert: »ältere, durch ihr Äußeres komisch wirkende, schrullige und oft kaltsüchtige weibliche Personen«. Seit dieser Zeit gehört Rheinsberg zu den literarischen Protagonistinnen der Frauenbewegung in der Bundesrepublik. Ihre Heimat, so sagt sie, ist die ›Frauen Schreiben Bewegung‹. Das Studium der Germanistik und Volkskunde schloss sie mit einer Arbeit über Claire Goll ab. In den nächsten Jahren schrieb sie weitere Arbeiten über Autorinnen der 20er-Jahre, unter anderem über Emmy Ball-Hennings und Mascha Kaléko. Zwei ihrer Bände über Lyrikerinnen in den 20er-Jahren – Kriegs/Läufe (1989) und Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein (1993) – sowie die Schwarzkittelweg-Erzählungen erschienen im Persona Verlag, einem Mannheimer Ein-Frau-Verlag, der von Lisette Buchholz geführt wird.Zuletzt erschien eine  japanische Übertragung von Kriegs/Läufe. Ihre Lyrik- und Prosabände bzw. Anthologien wurden außerdem u.a. bei der Edition Nautilus, bei Hoffmann und Campe, Ullstein, dtv und Luchterhand veröffentlicht.

 

Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin hat Rheinsberg auch im Frauenfunk des Hessischen Rundfunks die monatliche Sendung Schreibwerkstatt – Texte von Frauen gestaltet und beim freien Sender ›Radio Unerhört Marburg‹ gearbeitet und gewirkt. Rheinsberg rückt Frauen ins Zentrum. Sie tut dies als Schriftstellerin sowie als Herausgeberin, denn sie weiß, dass es nicht leicht ist, eine schreibende Frau zu sein: »Das ist unerhört, tut weh und schlägt dir auf’s Haupt«. Man müsse lernen zu hungern, zu frieren, die Kälte zu ertragen und bei alldem sich selbst treu bleiben. Es erfordert Mut, auf die eigene Stimme, das eigene Wort, zu vertrauen. Nicht wenige scheitern daran.

 

Rheinsbergs Erzählungen handeln von Verrat, vom Zusammenspiel von Liebe und Gewalt, aber auch vom Widerstand aufmüpfiger und pfiffiger Frauen. Zentrale Themen ihres Werks sind neben dem Feminismus, die Zerstörung von Menschen durch Faschismus und Nationalsozialismus und der Zusammenhang von Sprache und Gewalt: »Die Historie der schreibenden Frauen ist eine von Sehnsucht, Ohnmacht und Selbstmord«. Und immer wieder die Liebe.

 

Mara Staudacher und Johanna Isermann

 

Beitragsbild: Annelie Runge

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