Voyage, voyage: mit Schriftstellerinnen auf Reisen

Die Erwerbung in der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs arbeitet kontinuierlich daran, Bestandslücken zu entdecken und zu schließen. Seit 2022 liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Ergänzung von Erstausgaben von Schriftstellerinnen. Dabei konnten auch auf dem Gebiet der Reiseliteratur Lücken geschlossen werden, u.a. wurden Titel von Marie von Bunsen, Rosa von Gerold, Elpis Melena, Ida Pfeiffer, Friederike Riedesel und Johanna Schopenhauer erworben. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Frauen, die ohne Ehegatten aufbrachen oder rein aus Abenteuerlust auf Reisen gingen, etwas ausgesprochen Exotisches. Ihre Berichte sind erstaunlich modern und machen Lust, ihren Spuren zu folgen.


Friederike Riedesel, 1746–1808, sah sich 1777 genötigt, eine weite Reise anzutreten. Sie fuhr ihrem Mann, General Riedesel, der 1776 nach Kanada aufbrach, um die Briten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu unterstützen, mit den drei Kindern hinterher. In Die Berufs-Reise nach America (1800) beschreibt sie u.a. den Alltag auf der achtwöchigen Schiffspassage von Portsmouth nach Quebec. Der Wind blies nicht immer wie gewünscht, das Schiff legte an vielen Tagen nur wenige Seemeilen zurück. Im Vergleich zum heutigen Standard wurde den Passagieren nur wenig zur Unterhaltung geboten. Immerhin: Regelmäßige Mahlzeiten etablierten eine Alltagsstruktur, außerdem gab es ab und zu einen Gottesdienst, Anglerglück oder den Anblick von Walen. Und welche Beschäftigung gab es im 18. Jahrhundert noch auf einer Schiffsreise? »Meine Ungeduld wuchs mit jedem Tage, und ich suchte sie mir durch arbeiten zu vertreiben. Ich hatte die Zeit über schon eine doppelte Nachtmütze für meinen Mann gestrickt, zwei Geldbeutel und sieben Mützen für mich und die Kinder, und noch viele andere kleine Sachen gemacht.« (S. 102)


Für Ida Pfeiffer, 1797–1858, die wohl bekannteste Reiseschriftstellerin des 19. Jahrhunderts, galt es, die größten Schwierigkeiten noch vor Antritt ihrer ersten Reise zu überwinden. In ihrem 1844 anonym in zwei Bänden erschienenen Erstlingswerk, dessen Titel ihre beeindruckende Route wiedergibt – Reise einer Wienerin in das heilige Land, nämlich: von Wien nach Konstantinopel, Brussa, Beirut, Jaffa, Jerusalem, dem Jordan und todten Meere, nach Nazareth, Damaskus, Balbeck und dem Libanon, Alexandrien, Kairo, durch die Wüste an das rothe Meer, und zurück über Malta, Sicilien, Neapel, Rom u.s.w. –, schildert sie die Skepsis, auf die ihre Pläne stießen: »Seit Jahren lebte der Wunsch in mir, eine Reise in das heilige Land zu machen. […] Vergebens suchten meine Verwandten und Freunde mich von diesem Vorsatze abzubringen. Höchst lebhaft stellte man mir all’ die Gefahren und Beschwerden vor, die den Reisenden dort erwarten. Männer hätten Ursache zu bedenken, ob ihr Körper die Mühen aushalten könne, und ob ihr Geist den Muth habe, dem Klima, der Pest, den Plagen der Insekten, der schlechten Nahrung u.s.w. kühn die Stirne zu bieten. Und dann erst eine Frau! So ganz allein, ohne alle Stütze hinaus zu wandern in die weite Welt, über Berg und Thal und Meer, ach, das wäre unmöglich.« (S. 1) Ida Pfeiffer ließ sich nicht beirren. Im Frühjahr 1842 begann sie ihre Reise mit dem Dampfschiff, nachdem sie ihr Testament gemacht hatte (es sollten noch viele Reisen folgen). Sie trotzte Widrigkeiten wie Krankheiten, Erschöpfung oder schlechtem Wetter, nahm Quarantänetage auf sich, eignete sich neue Fähigkeiten wie das Reiten an und wunderte sich manchmal selbst über ihre Courage: »Oft, wenn ich so einsam meinen Gedanken nachhänge, kann ich es selbst kaum glauben, daß mich Muth und Ausdauer in keiner Lage verließen, und daß ich meinem vorgesteckten Ziele Schritt vor Schritt entgegen ging.« (S. 213)


Marie Espérance von Schwartz, 1818–1899, bekannt als Elpis Melena, nahm für ihre Reisen oft das Pferd. In Hundert und Ein Tag auf meinem Pferde und ein Ausflug nach der Insel Maddalena (1860) schildert sie ihren Wanderritt durch Italien bis Frankreich vom 21. Mai bis 29. August 1857. Die Route war für Pferd und Reiterin anspruchsvoll. Immer wieder wurden die Pferde ›Baffone‹ und ›Tesoro‹ (Elpis Melena war mit ihrem italienischen Diener unterwegs) krank, oder die Sorge um sie machte eine Änderung der Route notwendig. »Baffone’s Erkranken in Narni hatte mich sehr beunruhigt, und die stete Furcht, in einem elenden Apenninendörfchen liegen zu bleiben, ja vielleicht meine equestrische Reise nach Savoyen ganz und gar aufgeben zu müssen, hatte meinen früheren Entschluß, über die Marken von Ancona und durch die Romagna zu gehen, sehr wankend gemacht.« (S. 25) Doch die Pferde schafften sogar die Alpenüberquerung. Auf ihrer Reise zog Elpis Melena immer wieder verwunderte Blicke auf sich: »[I]ch mußte meine Wanderung gar bald einstellen, da das Erstaunen, welches mein Reitercostüme in den sehr belebten Straßen erregte, mir jeden Schritt und Tritt verleidete. Als ich bei meiner Rückkehr in das Hôtel den Wirth fragte, ob es in Ancona gar keine Damen gäbe, die zu Pferde ritten, sagte er mir, es gehöre freilich zu den großen Seltenheiten, eine Signora innerhalb der Stadt im Reitkleide zu sehen«. (S. 88)


Marie von Bunsen, 1860–1941, wählte für ihre Reisen Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ruderboot, das sie ›Formosa‹ taufte. Im Ruderboot durch Deutschland (1914) heißt die Beschreibung ihrer Fahrten auf der Havel, Werra, Weser und Oder, die sie ohne Begleitung unternahm. Dabei waren nur ein Hund, ein Verdeck, unter dem sie schlafen konnte, und ein Revolver, der nicht funktionierte: »Eine […] Enttäuschung bereitete mir mein Revolver. Er war ganz neu, ich hatte ihn in der Feuerwaffen-Prüfungsanstalt in Halensee eingeschossen; jetzt gelang es mir nicht, ihn zu laden. Einen Revolver, ein Hündchen und ein gutes Gewissen halte ich für voll ausreichenden Schutz; nun mußte ich eben auf ersteren verzichten, das ließ sich nicht ändern.« (S. 17). Sie kam auch ohne Revolver zurecht, las intensiv, genoss die Landschaft und das Reisen auf dem Wasser und besichtigte Sehenswürdigkeiten, wenn es sich anbot. Wind und Wetter spielen in ihren Schilderungen naturgemäß eine große Rolle. Doch auch, wenn es manchmal schwierig war, kam sie zu dem Schluss: »Wer glückliche, anregende Wochen verleben will, nehme sich ein Boot und rudere durch Deutschland.« (S. 351)


In diesem Sinne: Gute Lektüre und schöne Reise!


Katja Buchholz


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Quellen

Friederike Riedesel: Die Berufs-Reise nach America: Briefe der Generalin von Riedesel auf dieser Reise und während ihres sechsjährigen Aufenthalts in America zur Zeit des dortigen Krieges in den Jahren 1776 bis 1783 nach Deutschland geschrieben. Berlin 1800.

Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin in das heilige Land, nämlich: von Wien nach Konstantinopel, Brussa, Beirut, Jaffa, Jerusalem, dem Jordan und todten Meere, nach Nazareth, Damaskus, Balbeck und dem Libanon, Alexandrien, Kairo, durch die Wüste an das rothe Meer, und zurück über Malta, Sicilien, Neapel, Rom u.s.w.: Unternommen im März bis Dezember 1842. Nach den Notaten ihrer sorgfältig geführten Tagebücher von ihr selbst beschrieben. Wien 1844.

Elpis Melena: Hundert und Ein Tag auf meinem Pferde und ein Ausflug nach der Insel Maddalena. Hamburg 1860.

Marie von Bunsen: Im Ruderboot durch Deutschland: Havel, Werra, Weser und Oder. Berlin 1914.Beitragsbild: Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin in das heilige Land. Wien 1844. Bd. 1. Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser).


Beitragsbild: Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin in das heilige Land. Wien 1844. Bd. 1. Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser).

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