Niklas Rothweiler untersuchte in seinem Eröffnungsvortrag das Sounddesign einer besonderen Podcast-Art: Sogenannte Einschlafpodcasts versuchen uns durch ganz unterschiedliche Mittel in einem ersten Schritt zum Zuhören und dann zum Entspannen und Schlafen zu bringen. Eine monotone, langsame Sprache und gedämpfte Musik (»Einschlafen mit Tolkien«) werden zu diesem Zweck ebenso eingesetzt wie ein alltäglicher Plauderton (»laxbrunch«). Eeva Aichner interpretierte Ingeborg Bachmanns Radio-Essays zu Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften (1954) und Marcel Prousts À la recherche du temps perdu (1958) als Literaturbroadcasts – eine vergleichsweise niedrigschwellige Literaturvermittlung für ein großes Publikum und »Montage-Kunst par excellence«,(Alfred Andersch über das Radio-Feature). Lola Despotovic und Corina Preda (Bamberg) zeigten am Beispiel der Podcasts ›Alles gesagt?‹ und ›Literaturpalast Audiospur‹, wie dort Räume für die authentisch und glaubwürdig scheinende Selbstinszenierung von Schriftsteller/-innen geschaffen werden. Antonia Raßmus betrachtete Podcasts als hybride Gattung der Literatur, in denen Dimensionen der Mündlichkeit bewahrt und archiviert werden können (›Stoff aus Luft‹). Sara Azami stellte am Beispiel des im Amerikanischen geläufigen Vocal Fry (der ›Knarrstimme‹) die Zusammenhänge zwischen Stimme, Geschlecht und Macht zur Diskussion. Luke Heuser deutete Literaturpodcasts als eine Möglichkeit, der Bedeutungsversessenheit der traditionellen Literaturwissenschaft das subjektive, spontane und dynamische Gespräch und damit den Prozess des unabschließbaren Interpretierens entgegen zu setzen.
In einem Podcast-Labor stellten die Studierenden eigene Podcast-Konzepte vor: ›Malmeladenworte‹ über Kinderbücher (Marie Schreiner und Adrian Morina), einen Podcast zu Nature Writing (Sara Azami), den Buchhandlungspodcasts ›Die ZEITgenossen‹ (Martina Kruse). ›Klartext! Der Literaturpodcast für die Schule‹ (Philine Schwarz und Martina Kruse), ›Lit.empora. Geschichten der Geschichte‹ (Iris Wagner-Wiberg), ›Von Seite zu Szene‹ über Literaturverfilmungen (Julius Kühnle, Sina Brand und Teresa Dauser), ›Literaturwissenschaft – einfach erklärt‹ (Emily Feldvoss und Mika Fetzer), ›Verstehst Du mich wirklich?‹ über das Sprechen und Schreiben in der Muttersprache und in fremden Sprachen (Dorina Tüz) und ›Pfui: Der Literaturpodcast über Populärliteratur‹ (Helene Walk).
Am Abend diskutierten Johannes Franzen, Markus Gottschling und Linn Penelope Rieger über Literaturpodcasts als Format der Literaturkritik, die hier – anders als im Feuilleton der Zeitungen – virtuelle Räume für das subjektive Gespräch und damit zumindest theoretisch für die Beteiligung aller böten: eine Partizipation, die nicht an den Schreibtisch, die Ruhigstellung des Körpers und unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gebunden sei und damit auf unsere Sehnsucht nach Bewegung wie nach Austausch reagieren könne.
Konzipiert und realisiert wurde die sowohl für Bachelor- als auch Masterstudierende offene Tagung von Carolin Callies, Heike Gfrereis, Nancy Hünger und Christoph Jürgensen in Lehrveranstaltungen an den Universitäten Bamberg, Stuttgart und Tübingen. Die Seminare, die Tagung und die Podiumsdiskussion sind auch im virtuellen Forschungsraum des DLA dokumentiert: https://www.literatursehen.com/projekt/literatur-im-raum-podcasts/.
Eeva Aichner (Freiburg i. Br.) / Heike Gfrereis (Marbach/Stuttgart)
Beitragsbild: DLA Marbach.
3 antworten auf “»Einschlafen mit Tolkien«, »If books do kill«, »Stoff aus Luft«, »Wasser und Buch« und damit: »Alles gesagt?«”
[…] Im Podcast “Literaturpalast Audiospur” trifft Tino Schlench auf Autor*innen, Übersetzer*innen, Journalist*innen oder Menschen des literarischen Lebens, die sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit der Literatur Südosteuropas auseinandersetzen (via blog.dla-marbach.de). […]
[…] Podcast “Stoff aus Luft” (via blog.dla-marbach.de): […]
[…] Podcast “Wasser und Buch” (via blog.dla-marbach.de): […]