Zum Wohl! Am 6. Juni 2025 jährt sich Thomas Manns Geburtstag zum 150. Mal

Schon 1906 konstatierte er in einer Umfrage, die unter dem Titel Dichterische Arbeit und Alkohol in der Berliner Zeitschrift Literarisches Echo veröffentlicht wurde, klipp und klar: »Im allgemeinen halte ich nicht das geringste von der ›Inspiration‹ durch Alkohol – ich glaube nicht daran.« Trinken galt ihm damals eher als Schwäche, als ein Laster, gegen das er sich zur Wehr setzte, zugunsten der Arbeit. Genau, wie er ansonsten in seinem Leben vieles sublimierte und unterdrückte, vor allem Erotisches. Während jüngere Autoren wie Walter Benjamin, Gottfried Benn oder Arno Schmidt davon überzeugt waren, durch Alkohol und andere Drogen in Bewusstseins- und Ausdrucksregionen vorstoßen zu können, die allen Enthaltsamen verschlossen bleiben, hielt Thomas Mann dies für einen Irrglauben. Unerwartete Erkenntnisse und ungewöhnliche Leistungen folgten bei ihm eher aus Praktiken der Entsagung. Mehr noch – heute fällt es schwer, hierin nicht auch den fast verzweifelten Widerstand gegen die eigene Homosexualität mitzuhören –, Thomas Mann erklärte: »Denn wie beinahe alles Große, was dasteht, als ein Trotzdem dasteht, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Körperschwäche, Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen ist, so glaube ich, daß auch jene Poeten ihre Leistungen nicht mit dem Alkohol, sondern trotz ihm vollbracht haben.«

 

Dies hinderte Mann freilich nicht daran, regelmäßig Bier zu trinken, zumindest als 30-jähriger. So gestand er 1906, er »trinke täglich zum Abendbrot ein Glas helles Bier« und reagiere »auf diese anderthalb Quart so stark«, dass sie seine »Verfassung« spürbar beeinflussten. Und zwar auf wünschenswerte Weise: Bier verschaffe ihm »Ruhe, Abspannung und Lehnstuhlbehagen, eine Stimmung von ›Es ist vollbracht!‹«.

 

Unser Foto, das bisher kaum bekannt ist, zeigt Thomas Mann 1955 auf einer seiner letzten größeren Reisen. Anlass ist das Schiller-Jahr 1955. Die Deutsche Schillergesellschaft hat ihn eingeladen, am 8. Mai einen Festvortrag im Großen Haus des Stuttgarter Staatstheaters zu halten. Auch die Marbacher Schillerausstellung besucht Mann zusammen mit seiner Frau Katia, um anschließend weiter nach Weimar zu fahren, in die noch junge DDR, und dort seinen Vortrag am 14. Mai zu wiederholen.

 

Es lässt sich bisher nicht sagen, ob das Bild in Stuttgart oder Weimar entstanden ist. Thomas Mann wirkt auf ihm gelassen wie selten. Das Bier scheint bei der »Abspannung« zu helfen. Die großen Reden sind gehalten – sein großer Versuch über Schiller, er ist geglückt! Zugleich wirkt Manns Blick melancholisch, besonders, wenn man die untere Gesichtshälfte verdeckt.

 

Ahnt er Anfang Mai 1955 schon, dass er nicht mehr lange leben wird? Seinen 80. Geburtstag am 6. Juni feiert er noch in Saus und Braus. Sechs Wochen später häufen sich allerdings die Krankheitssymptome. Die Ärzte und Katia Mann verheimlichen ihm offenbar, wie schlecht es wirklich um ihn steht. Am 12. August stirbt er im Zürcher Kantonsspital.

 

Jan Bürger

 

Beitragsbild: Das nicht beschriftete Foto fand sich zufällig in Beständen des Rowohlt Verlags im DLA. Es wurde höchstwahrscheinlich von dem Kölner Fotografen H. E. Lehmann gemacht.

Ein Kommentar auf “Zum Wohl! Am 6. Juni 2025 jährt sich Thomas Manns Geburtstag zum 150. Mal”

  1. Sabine Hammerbacher sagt:

    Im Vorfeld der Festrede von Thomas Mann über Friedrich Schiller gab es auch Proteste, wie der ehemalige GI der Württ. Staatstheater Stuttgart, Walter Erich Schäfer, in seinen Erinnerungen berichtete. Protestbriefe erreichten die Schiller-Gesellschaft und das Staatstheater. Zehn Jahre nach Kriegsende sahen die Verfasser der Briefe Thomas Mann als “Vaterlandsverräter”.
    Unfassbar!

kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise gemäß DSGVO.