»Das Berliner Aquarium« lautet die Überschrift und »A. E. Brehm« ist die Verfasserangabe. Zwar gibt es in Berlin heute sowohl Zoo wie Tierpark, das Berliner Aquarium aber gehört der Vergangenheit an, dem 19. Jahrhundert, ebenso wie das vorliegende Manuskript, das von seinem Gründungsdirektor stammt, dem durch sein legendäres Kompendium Brehm’s Thierleben bekannten Zoologen Alfred Brehm (1829–1884). Das alte Berliner Aquarium –
inzwischen gibt es ein neues im Zoo – befand sich unter den Linden, Ecke Schadowstraße, und eröffnet wurde es 1869. Eben zu dem Zeitpunkt, als der dreiteilige, reich illustrierte Artikel Brehms in Westermann’s Monatsheften erschien und die neue Attraktion dort der Leserschaft vorstellte. Brehms Manuskript ist Teil des umfangreichen Redaktionsarchivs dieser illustrierten Familienzeitschrift, das kürzlich vom Deutschen Literaturarchiv Marbach übernommen wurde und das neben solchen Manuskripten noch zahlreiche Briefe, Geschäftsunterlagen
und flankierende Materialien enthält.
Der Begriff ›lllustrierte Familienzeitschrift‹ klingt reichlich antiquiert, doch war dieser Zeitschriftentypus seinerzeit etwas durchaus Fortschrittliches. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts lösten auflagenstarke Blätter mit neuem redaktionellem Konzept die althergebrachten Kulturjournale ab – etwa das langlebige Morgenblatt für gebildete Leser – und unterhielten ihr Publikum mit einem stärker diversifizierten Programm. Die 1856 gegründeten Monatshefte aus dem Braunschweiger Verlag Westermann – heute noch als wichtiger Schulbuchverlag bekannt – sind mit ihrem Jahrgang 1869/70, in dem Brehms Aufsatz erschien, ein gutes Beispiel dafür. Novellen und Romane in Fortsetzungen von namhaften Schriftstellern wie Paul Heyse oder Wilhelm Raabe bilden das Rückgrat des Zeitschriftenbandes, eine Prise sensationeller Unterhaltung bieten wohl die »Zwei Mordgeschichten«, kulturgeschichtlich interessierte Leser kommen bei Aufsätzen über Michelangelo, die Faustsage, das moderne Musikdrama oder über vorchristliche Steindenkmäler auf ihre Kosten. Darüber hinaus drängt die weite Welt ins Blatt – das 19. Jahrhundert war schließlich eine Epoche großer geografischer und völkerkundlicher Entdeckungen. Und so finden sich Reportagen über den »Orang-Utan auf Borneo«, über »Die Indianernoth Chihuahua’s«, ja sogar eine ganze Rubrik »Neuestes aus der Ferne«. Brehms Aufsatz über das »Berliner Aquarium« bildet sozusagen den Kreuzungspunkt solch fernschweifender Exotik mit dem nahegelegenen Guten, liest man darin doch über den Schlangengang, das See-Aquarium und die Krokodilgrotte – und das alles angesiedelt unter den Linden in Berlin.
So wie dieses beliebig herausgegriffene Manuskript jenseits seines eigentlichen Inhalts den Zugang zu einem früheren publizistischen Kosmos eröffnet, so sprechen auch zahlreiche weitere Bestandteile des Redaktionsarchivs sowohl für sich selbst, wie auch für größere Zusammenhänge, Die Manuskripte Raabes, Storms oder Fontanes – um nur die heute kanonischen Autoren zu nennen – bieten Anlass, sich über die Praxis des Zeitschriftenvorabdrucks in Fortsetzungen Gedanken zu machen und auch darüber, welche Auswirkungen diese Veröffentlichungsart auf Struktur und Thematik der entsprechenden Romane wohl hatte. Die Redaktionskorrespondenz – sowohl intern, wie auch mit den Zeitschriftenbeiträgern – eröffnet Einblicke in ökonomische und marktstrategische Prozesse innerhalb des Verlags wie auch in die Publikationsmechanismen des Blattes überhaupt. Zahlreiche der Literaturgeschichte heute kaum noch bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden durch solche Korrespondenz und die damit verbundene publizistische Aktivität in ihrer Bedeutung für das damalige literarische Leben kenntlich, ebenso wie die großen literarischen Namen hier in ungewöhnliche Konstellationen und Kontexte eingeordnet erscheinen.
Kurz, das Redaktionsarchiv von Westermann’s Monatsheften ist eine Fundgrube zur Mentatitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts, ebenso zur Kultur- und Literaturgeschichte und wahrscheinlich noch zu ein paar Disziplinen mehr. Und über die Geschichte der Zoologischen Gärten kann man gleichfalls etwas erfahren.
Helmuth Mojem (Leiter des Cotta-Archivs im DLA Marbach)
Beitragsbild: © Westermann Gruppe.