Wo schrieb Wilhelm Hauff den ›Kleinen Muck‹?

Dort sind seine Aufenthaltsorte gut dokumentiert und meist mit Gedenktafeln versehen, die Tübinger Haaggasse 15, wo er während der Schul- und Studienzeit wohnte, die Stuttgarter Eberhardstraße 33, wo er geboren wurde, das Haus an der Ecke Fritz-Elsass-Straße / Leuschnerstraße, wo er starb. Daneben gibt es noch einen dritten Wohnort Hauffs in Stuttgart, an dem er in schier unglaublicher Produktivität einen großen Teil seines Werks verfasste, unter anderem seinen ersten Märchenalmanach. Hauff veröffentlichte die Märchen, die heute noch – hoffentlich! – jedes Kind kennt, in drei sogenannten Almanachen, gegen Ende des Jahres erscheinende Büchlein, die sich gut zu Weihnachtsgeschenken eigneten und die in der Regel eine Sammlung von Beiträgen verschiedener Verfasser enthielten. In Hauffs Fall stammen die einzelnen Erzähltexte aber allesamt von ihm selbst – einmal steuerten auch die Brüder Grimm ein Märchen bei: Schneeweißchen und Rosenrot – und sie sind durch eine ihrerseits unterhaltsame und spannende Rahmenhandlung miteinander verbunden; am bekanntesten ist die vom Wirtshaus im Spessart. Die erste Sammlung enthält so berühmte Geschichten wie die vom kleinen Muck oder vom Kalif Storch, vom Gespensterschiff oder von der abgehauenen Hand. Wo also sind all diese Märchen entstanden, deren imaginative Kraft seit 200 Jahren Groß und Klein in ihren Bann schlägt?


Nach dem Ende seines Studiums in Tübingen im Herbst 1824 wurde Hauff Hauslehrer bei dem Präsidenten des württembergischen Kriegsrats, Ernst Eugen Freiherr von Hügel. Dort blieb er bis ins Frühjahr 1826 und anscheinend ließ ihm seine Erziehungstätigkeit viel freie Zeit, denn er schrieb ununterbrochen. Darauf wies eine Gedenktafel hin, die früher an einem Hochhaus am Stuttgarter Charlottenplatz hing. Nun kann man sicherlich darüber streiten, ob es sinnvoll ist, solche Tafeln an Nachfolgebauten anzubringen, zumal an solchen, die architektonisch und ästhetisch in krassem Gegensatz zu den einstigen Gebäuden stehen – davon aber abgesehen, muss man konstatieren, dass die Tafel am Hochhaus in die Irre führte, weil Hauff dort am Charlottenplatz nie gewohnt hat. Der Ursprung der Legende liegt bei seinem Biografen Hans Hofmann, der 1902 über Hauffs Hauslehrertätigkeit bei der Familie Hügel schrieb: »Aus dem Fenster seines nach rückwärts gelegenen Arbeitszimmers in dem noch heute unverändert bestehenden Kriegsministerium am Charlottenplatz sah Hauff hinüber nach den grünen Höhen des Bopser, wo Schiller dereinst seine Räuber vorgelesen.« Das klingt so suggestiv, so lokalgeschichtlich gesättigt, dass spätere Hauff-Biografien ebenso wie Stuttgarter Literaturgeschichten es Hofmann nachgeschrieben haben bis hin zu dem aktuellsten, gar mit einem Stadtplan verknüpften Artikel im digitalen Stuttgarter Stadtlexikon. Jedoch: Dort im früheren württembergischen Kriegsministerium am Charlottenplatz war wohl der Arbeitsplatz des Freiherrn von Hügel, sein Wohnhaus aber lag woanders, nämlich in der Königstraße 1, heute Nr. 2, wie man in diversen Stuttgarter Adressbüchern nachlesen kann. Nikolaus von Thouret errichtete das Haus im Rahmen der Neugestaltung der unteren Königstraße, wo es mit dem einige Jahre später fertiggestellten Königstor, den Abschluss der späteren Stuttgarter Prachtmeile bildete. Heute markiert der etwas weiter hinten angesiedelte Hauptbahnhof diese Begrenzung. Hügel erwarb das Haus im Jahr 1818 und bewohnte es mit seiner Familie. Und selbstverständlich wohnte dort auch Wilhelm Hauff als Lehrer von Hügels Kindern, wie man auch leicht anhand seiner Korrespondenz überprüfen kann. Er selbst gab seinen Briefpartnern diese Anschrift an und umgekehrt adressierten diese ihre Briefe auch entsprechend dorthin.


Also Königstraße statt Charlottenplatz. Meinetwegen, werden manche sagen, soll man halt dort eine Plakette anbringen, wo heute der Lokalsender Radio 107.7. sitzt. Wer aber wissen möchte, wo Hauff die Inspiration zu seinen Märchen bekam, wo sich der Einfall erstmals zu einem literarischen Text gestaltete, von wo genau ein Werk der Weltliteratur ausging, dem wird die Frage vielleicht doch nicht gleichgültig sein. Man kann also resümieren: die abenteuerlichen Geschichten aus dem fernen Orient, die wiederum Wilhelm Hauffs Namen in alle möglichen fremden Weltgegenden getragen haben, wurden zwischen Herbst 1824 und Frühjahr 1825, also ziemlich genau vor 200 Jahren, in der Stuttgarter Königstraße Nr. 1 – heute Nr. 2 – zu Papier gebracht. Deswegen liest man sie zwar nicht anders, aber vielleicht bietet diese Feststellung den Anlass, sie einmal wieder zu lesen. Es lohnt sich.


Helmuth Mojem


Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags finden Sie in der  Zeitschrift Schwäbische Heimat. Magazin für Geschichte, Landeskultur, Naturschutz und Denkmalpflege (2025/2), S. 26-31.


Abb.: Illustration zu Hauffs Geschichte von dem kleinen Muck von Johann Baptist Sonderland, erstmals 1842 in der 6. Auflage der Märchen erschienen. Foto: DLA Marbach.

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