Dichter lesen. Folge 2: Tiecks Triumphe

Den am 31. Mai 1773 in Berlin geborenen Ludwig Tieck könnte man als den Alleskönner der Romantik bezeichnen. Der Sohn eines Seilermeisters schreibt schon in seiner Schulzeit, die Studienjahre versteht er mehr oder weniger als Ausbildungszeit zum Schriftsteller. Ein Semester in Erlangen, damals preußisch, wird für ihn und die Literaturgeschichte prägend: Zusammen mit seinem alten Schulfreund Wilhelm Heinrich Wackenroder entdeckt er in Nürnberg und Bamberg den Reiz des deutschen Mittelalters – und die Sinnlichkeit des katholischen Christentums. Mit Kunstbetrachtungen, Romanen und Erzählungen, mal satirisch, mal schlicht, mal reflektiert, betritt er die literarische Öffentlichkeit. 1797 veröffentlicht er in den Volksmärchen seine heute noch lesenswerte satirische Komödie Der gestiefelte Kater. Im selben Jahr trifft Tieck erstmals einen der wichtigsten Theoretiker der Romantik, Friedrich Schlegel. Ein Jahr darauf heiratet Tieck, 1799 kommt Tochter Dorothea zur Welt, die später als Shakespeare-Übersetzerin Bedeutung erlangen wird. Von 1799 bis 1800 ist die Familie Tieck in Jena, Tieck verkehrt in der damaligen literarischen Avantgarde: Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Novalis, Clemens Brentano, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling.

 

1819 bis 1842 lebt Tieck in Dresden und ist in den 1820er-Jahren Dramaturg am Hoftheater. Auch für die Bühnenkunst anderer tritt Tieck nachdrücklich ein: 1826 übernimmt er die Herausgabe und Vollendung der von August Wilhelm Schlegel begonnenen Shakespeare-Übersetzung; die hinterlassenen Schriften Heinrich von Kleists gibt er ebenso heraus wie die Gesammelten Schriften des Sturm-und-Drang Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz.

1841 holt König Friedrich Wilhelm IV. den Dichter nach Berlin und beruft ihn im folgenden Jahr in den neugegründeten preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Im Alter spürt Tieck das Nachlassen seiner Kräfte. Er stirbt am 28. April 1853, König Friedrich Wilhelm IV. geht dem Trauerzug voran.

 

Tieck ist buchstäblich der romantische Dichter für alle Fälle. Dass er in seinen späteren Jahren den romantischen Gestus einem realistischen Erzählen annäherte, macht sein vielfältiges und qualitativ uneinheitliches Werk noch spannender. Tiecks ausgeprägtes historisches Interesse erschloss ihm ganz neue Stoffe, so zum Beispiel in der unvollendeten Novelle Aufruhr in den Cevennen (1826).

 

Tieck war nicht als Autor berühmt, er galt auch größter Vorleser seiner Zeit. In Dresden waren die privaten Vorleseabende in seiner Wohnung im Haus der Gräfin Finckenstein literarisch-gesellschaftliche Ereignisse, es kamen Gäste aus ganz Europa. (Dass Tieck mit der auch finanziell großzügigen Gräfin in einer veritablen Ehe zu dritt lebte, ahnte wohl kaum einer von ihnen.) Tieck las eigene Werke, las Erzählendes, aber »das größte mimische Talent«, »was jemals die Bühne nicht betreten« (Clemens Brentano), zeigte Tieck beim Vorlesen von Dramen der Weltliteratur. »Sein Talent, Komödien und Tragödien nicht sowohl vorzulesen als leibhaft zu agieren und tragieren, hat den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht«, so urteilte Schelling. Tieck hat aus dieser Fähigkeit allerdings keine Einnahmequelle gemacht. (Die Quellen erwähnen immerhin »eine Kollektenbüchse geselligen Dankes«.) Die Dichter-Lesung als Veranstaltung mit Eintritt war noch nicht erfunden, auch wenn das Wasserglas vermutlich schon damals nicht gefehlt haben wird.

 

Tiecks Auftritte als Vorleser sind erstaunlich gut dokumentiert. Auch wenn Worte die Besonderheit von gesprochener Sprache, Stimmkunst zumal, nicht so gut dokumentieren können wie ein Mikrofon – die geschmeidige Prosa der Zeuginnen und Zeugen hat ihren eigenen Reiz. Hermann von Friesen, Dresdener Shakespeare-Verehrer wie Tieck, berichtet höchst anschaulich:

 

»Der Eindruck dieser Vorlesungen konnte nicht anders als im höchsten Grade fesselnd sein. Ist doch jedes wahre Kunstwerk, selbst für den Minderbegabten, von gebieterischer Wirkung, und die Vorlesungen Tiecks konnten mit vollem Rechte ein Kunstwerk genannt werden. Das überaus schöne und biegsame Organ, die Bedeutsamkeit seiner Züge sowie die gesamte Erscheinung seines großartig schönen Kopfes mögen für Begünstigungen der freigebigen Natur betrachtet werden. … Nirgends war eine gewaltsame Anspannung der Kraft, eine hervorstechende Betonung, ein Zwang der Stimme oder ein künstlich berechnetes Mienen- und Gebärdenspiel zu bemerken. Und doch wusste er in der Stimme, Betonung und dem Rhythmus so feine und sichere Schattierungen anzubringen, dass man das Nennen der Namen von den sprechenden Personen niemals vermisste. Gewiss war es dasselbe Organ der Stimme, mit welchem er den männlichen sowohl als den weiblichen Ton, das Harte und das Weiche, das Strenge und Zarte, die erschütternde Leidenschaft und die rührende Empfindung auszudrücken verstand. Aber er hatte die verschiedenen Register seines Stimmorgans mit einer so großen Sorgfalt ausgebildet, dass ihm jedes einzelne, wie auf einem wohlgestimmten Instrument, zur freiesten Verfügung stand.«

 

Ob es da wohl stimmen kann, was Alexander von Sternberg 1861 in der vielgelesenen Gartenlaube kolportierte? »Der Schreiber dieses fand ihn manchmal ganz allein mit der schlafenden Gräfin [Finkenstein], wie er laut donnernd eines seiner Lieblingsdramen vorlas.«

 

Zum Schluss ein Lesetipp: Des Lebens Überfluss (1839) ist eine Liebesgeschichte, die gerade nochmal gut ausgeht. Hermann Hesse hat diese originelle und unterhaltsame Novelle, in der eine hölzerne Treppe die entscheidende Rolle spielt, in seine Bibliothek der Weltliteratur aufgenommen. Eine ganz besondere Auszeichnung, denn Hesses lust- und kenntnisreiche Leseempfehlungen stehen selbst »wolkenkratzerhoch über den gangbaren Literaturgeschichten« (Kurt Tucholsky).

 

Dietmar Jaegle

 

Beitragsbild: Eine Herausforderung: Dichterlesung mit größerem Publikum. Die Lithografie nach einer Originalzeichnung von Alexander von Sternberg zeigt Tieck bei einem Vorlese-Abend in Dresden. 1

  1. Die Gartenlaube 9 [1861], S. 11f.[]

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