Außer der Reihe 5: Gabriele d’Annunzio

Mit Kallías, dem Online-Katalog des Deutschen Literaturarchivs Marbach, wird man auf Knopfdruck fündig. Hugo von Hofmannsthals Essay Gabriele D’Annunzio, erstmals erschienen 1893 in der Frankfurter Zeitung, kann in mehreren Ausgaben in den Lesesaal bestellt werden. Sogar Handschriftliches von ihm liegt im Archiv, etwa eine Widmung für den Verleger Samuel Fischer und ein Brief an Harry Graf Kessler.


Heute wirkt d’Annunzio fremd und befremdlich, diese »monumentalste Gestalt der Dekadenz« (Mario Praz), dieser so gänzlich unbescheidene Lyriker, Dramatiker und Romancier des Fin de siècle, der von sich sagte: »Die italienische Dichtkunst beginnt mit zweihundert Versen um Dante und wird dann, nach einer langen Pause, von mir fortgesetzt.« Das ichbesessene Übermenschentum d’Annunzios irritiert, sein Engagement für den Duce Benito Mussolini ist mehr als problematisch, seine Kunst wirkt oft schwülstig. Dem Menschen und Dichter d’Annunzio gerecht zu werden, fällt schwer. Zu Lebzeiten hat er mit Nachdruck dafür gesorgt, dass man seine elitären, hochrhetorischen Werke, seinen extravaganten Lebensstil, seine politischen Meinungen zur Kenntnis nehmen musste – mit Bewunderung wie Hofmannsthal oder literarisch produktiv wie seine Übersetzer Stefan George und Maria Dohm-Gagliardi, eine Tante von Thomas Manns Ehefrau Katia. Thomas Mann selbst bezieht sich in seiner Erzählung Tod in Venedig immer wieder auf Themen und Figurenkonstellationen in d’Annunzios Roman Il Fuoco (Das Feuer). Bert Brecht urteilte salomonisch: »Er war ein Scharlatan, aber dieser Scharlatan schrieb Hirtengedichte, die kaum untergehen werden.«


In der provinziellen Hafenstadt Pescara wurde d’Annunzio am 12. März 1863 als Sohn eines Provinzabgeordneten geboren. Schon der 16-jährige hatte seine Lebensüberzeugungen gefunden: »glühender liebe ich die Kunst und die schönen Frauen … bin ganz persönlich in meinen Ansichten, aufrichtig bis zur Härte, verschwenderisch bis zur Vergeudung«. (1910 entging er denn auch seinen Gläubigern nur durch die Flucht nach Frankreich.) Als Verächter der Kleinbürgertums und als Dichter verließ er 1881 das berühmte Collegio Cicognini. Damals hatte er bereits bewiesen, was die gebildeten unter seinen Verächtern ihm stets zugestanden haben: ein vollendeter Meister der Formen und Sprache seines Landes zu sein.


Als Dandy und Salonlöwe, Journalist, Modeberichterstatter und Schriftsteller eroberte er die römische Gesellschaft. Und die Frauen. Isadora Duncan schildert ihn als »klein, glatzköpfig und … hässlich«. Und nennt ihn doch den »bemerkenswertesten Liebhaber unserer Zeit«. Nicht nur die amerikanische Tänzerin empfand wohl »die Faszination, die von ihm ausgeht« als »unbeschreiblich«. D’Annunzio, verheiratet und Vater dreier Kinder, sah in der Treue den Tod aller Sinnlichkeit – einen Tod, den er oft und erfolgreich abzuwehren wusste. So unterhielt er beispielsweise ein Verhältnis mit Eleonora Duse, die für d’Annunzios Nationaltheater-Träume ihr gesamtes Vermögen opferte. Er schrieb für sie manche Hauptrolle (La Gioconda, 1899), wandte aber schließlich seine (schriftstellerische) Gunst der ebenso berühmten Tragödin Sarah Bernhardt zu. Diese beiden Frauen verkörpern gleichsam die Archetypen, zwischen denen sich die männlichen Helden d’Annuzios bewegen: ›femme fragile‹ und ›femme fatale‹, Maria und Eva. (Maria heißt denn auch eine der beiden Heldinnen des 1889 erschienenen Romans Die Lust – ein gelungenes Porträt des Autors als vom Eros Besessenen.


D’Annunzios Suche nach Intensität, stimuliert auch durch Rauschgifte, blieb nicht aufs Amouröse beschränkt. Leidenschaftlich liebte der Dichter auch Autos und Flugzeuge (als kriegsfreiwilliger Kampflieger warf er 1918 Flugblätter überm feindlichen Wien ab); an der Spitze eines italienischen Freikorps marschierte er ein Jahr nach Kriegsende im dalmatinischen Fiume ein, um es für sein Land zu reklamieren. Doch trat d’Annunzio, der zeitwillige Kriegstreiber und Parteigänger des Faschismus, nie in die Partei ein, ja er warnte Mussolini vor Hitler, den er einen »Strolch« und »grausamen Bajazzo« nannte. – In seiner prunkvollen Villa ›Il Vittoriale‹ am Gardasee starb d’Annunzio am 1. März 1938 an einem Gehirnschlag. Ein Leben, das sich weigerte, etwas anderes als Kunst zu sein, war zu Ende.

 

Dietmar Jaegle


Beitragsbild: Französischer Brief d’Annunzios an Unbekannt. Foto: DLA Marbach.

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