›Einsamkeit und Freiheit‹

Als Bildungsideal wurde das Begriffspaar von Wilhelm von Humboldt eingeführt, der 1810 in seiner Denkschrift Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin forderte, »Einsamkeit und Freiheit« müssten die im Kreise der Universität »vorwaltenden Principien« sein. Humboldts Denkschrift schlummerte allerdings zunächst als Entwurf in einer Behördenschublade und wurde erst 1896 publiziert. Es war dann der Soziologe Helmut Schelsky, der das Begriffspaar ›Einsamkeit und Freiheit‹ unter Berufung auf Humboldt zu einer hochschulpolitischen Formel erhob, als er es 1963 zum Titel seines Buches über Idee und Gestalt der deutschen Universität und ihrer Reformen machte.

 

Dieses Buch fand nicht zuletzt deshalb große Aufmerksamkeit, weil es in einer Auflage von 20.000 Exemplaren in der Taschenbuchreihe ›rowohlts deutsche enzyklopädie‹ (rde) erschien. Hochschulpolitische Brisanz erhielt Schelskys Plädoyer für ›Einsamkeit und Freiheit‹ dadurch, dass sich genau zu dieser Zeit das pejorative Schlagwort des Elfenbeinturms im deutschsprachigen Diskurs etablierte. Unter dem programmatischen Titel Abschied vom Elfenbeinturm kritisierte der Sechste Deutsche Studententag 1960 in Berlin die »soziale und politische Abgeschlossenheit und Indifferenz« von Studierenden und Lehrenden und griff die Hochschulen »in ihrer Organisationsform als hochmütige Gelehrtenrepublik« an.

 

Dass im Umgang mit dem Ideal akademischer Einsamkeit heute Verlegenheit herrscht, ergibt sich allerdings nicht nur aus der politischen Elitenkritik, die mit dem Schlagwort des Elfenbeinturms ventiliert wird, sondern auch aus der psychosozialen Pathologisierung, die der Begriff der Einsamkeit im 20. Jahrhundert erfahren hat. Man denkt beim Wort ›Einsamkeit‹ heute vor allem an ein Gefühl der Verlassenheit und Vereinsamung, an seelisches Leid und soziale Isolation. Man denkt eher an die elende als an die stolze Seite von Einsamkeit, eher an loneliness als an solitude.

 

Diese negative Konnotation des Einsamkeitsbegriffs ist für die Position der Geisteswissenschaften in der Gegenwart ein Problem. Denn wir kommen nicht ohne Einsamkeit im Sinne von solitude aus. Wenn wir es als Aufgabe der Geisteswissenschaften begreifen, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu reflektieren, dann ist dafür immer wieder aufs Neue temporär ein Nachdenken »in Einsamkeit und Freiheit« nötig. Die Geisteswissenschaften brauchen einen positiven Einsamkeitsbegriff, um zu erklären, wie sie gesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Es ist deshalb an der Zeit, dass wir uns den alten Topos von der Einsamkeit und Freiheit der Dichter und Denker auf neue Weise aneignen. Ohne elitäres Pathos, aber mit unbedingtem Willen zur kritischen Reflexion.

 

Kathrin Wittler (Freie Universität Berlin)

 

Zum Weiterlesen:

Kathrin Wittler: Einsamkeit und Freiheit im Elfenbeinturm? Humboldt, Schelsky und die solitäre Praxis der Geisteswissenschaften. In: Berliner Debatte Initial 33.1 (2022). S. 40–52.

 

Beitragsbild: Cover von Helmut Schelskys Einsamkeit und Freiheit (1963).

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