Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Als ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Winnyzja gereist bin, holte mich früh am Morgen am Bahnhof ein sehr netter Mitarbeiter der Buchhandlung ab, in der ich am Nachmittag mein damals aktuelles Buch vorstellen sollte. Noch verschlafen kam ich aus dem Zug, in dem die Schaffnerin leere Teetassen einsammelte und die benutzten Bettbezüge in die Stofftaschen zum Waschen einpackte. Viele ukrainische Züge fahren langsam durch die Landschaft. Deswegen sollte man auch auf der Strecke von Lviv nach Winnyzja im Zug übernachten. Es gibt pro Abteil vier Schlafcouches, frische Bettwäsche, Handtücher und Tee oder Kaffee in den traditionellen Gläsern mit Metallhalterung. Diese verzierten Halterungen sind schön und entzückten alle mir bekannten deutschen Schriftsteller/-innen, die mit ukrainischen Zügen gereist sind.

 

Der nette Mitarbeiter der Buchhandlung hieß Sashko und hatte einen ungarischen Nachnamen. Er sprach auch fließend Ungarisch und übersetzte Bücher aus dem Ungarischen ins Ukrainische. Er war nicht in Winnyzja geboren, aber nach dem Studium hier geblieben. Wir gingen aus dem Bahnhofsgebäude, wo um 6 Uhr morgens schon reges Leben herrschte und stiegen in eine Tram.

 

Frisch aus der Schweiz, sagte Sashko stolz, und tatsächlich war in dem uralten Waggon alles auf Deutsch beschriftet. Damals war es gerade erst üblich geworden, alte Straßenbahnwagen aus Europa einzukaufen und in der Ukraine weiter zu verwenden.

Wir fuhren durch die Innenstadt, und Sashko zeigte mir das Haus, in dem die erste ukrainische Regierung 1919 untergebracht war. Damals war in der Ukraine zum ersten Mal ein unabhängiger Staat gegründet worden, der wenige Jahre später von Russland vernichtet wurde.

 

Dann stiegen wir aus der Straßenbahn und gingen durch die Innenstadt. Plötzlich standen wir vor der riesigen katholischen Kirche, die in dieser überwiegend orthodoxen Gegend einen merkwürdigen Eindruck machte. In Winnyzja gibt es eine große katholische Gemeinde, die aus Polen besteht, erklärte Sashko. Es gibt hier auch ein polnisches Konsulat, wo man wesentlich einfacher und schneller ein Visum beantragen kann, als bei euch, lachte er.

 

Damals gab es in der Ukraine noch keine Einreise in die EU ohne Visum, man musste für jede Reise ein Visum beantragen. In Lviv gab es sehr viele Saisonarbeiter, die nach Polen wollten, und die Schlangen vor dem polnischen Konsulat waren berühmt für ihre Länge.

Dann fuhr ich mit Sashko wieder Straßenbahn, und die Altbaugebäude der Innenstadt wichen Plattenbauten. Wir stiegen aus und gingen in ein Hochhaus auf einem Fabrikgelände. Der Aufzug brachte uns in den 14. Stock, wo in zwei winzigen Zimmern ein Radiosender arbeitet.

 

Guten Morgen, sagte der Moderator ins Mikrofon mit einer für 6.30 Uhr sehr munteren Stimme. Heute haben wir einen ungewöhnlichen Gast in unserem Studio. Eine Schriftstellerin aus Lviv. Und ich werde ihr gleich eine sehr wichtige Frage stellen. Dann drehte er sich zu mir und fragte: Sagen Sie mir bitte, Natalka, gibt es ein Leben nach dem Tod?

 

Die Frage kam mir genauso unwirklich vor, wie alles an diesem Morgen nach der schlaflosen Nacht im Zug: die Fabrikgebäude, die aussahen wie aus einer Orwell-Verfilmung, die ganz unpassende Schweizer Straßenbahn, all die traurigen Fakten aus der ukrainischen Geschichte und der ukrainischen Literatur, über die ich unterwegs mit Sashko gesprochen hatte.

 

An die Frage des Radiomoderators musste ich in den letzten Tagen oft denken. An den Tagen, als Winnyzja unerwartet und brutal bombardiert wurde. Das Gebiet galt bis jetzt als relativ sicher. Nahe an Kyjiw, aber doch noch friedlich bis vor kurzem. An dem Tag, als die Nachricht über die Bombardierung Winnyzjas kam, saß ich im Flugzeug nach Polen. Sobald ich wieder Internet hatte, las ich die zahlreichen Meldungen auf Facebook. Ich sah, dass Sashko unverletzt war, ebenso eine andere Bekannte, eine Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin, die aus Kyjiw zu ihren Eltern nach Winnycia geflüchtet war.

 

Lange Zeit bevor ich nach Winnyzja kam, hier Leute kennenlernte und mir die Landschaft vertraut wurde, existierte diese Stadt für mich kaum. Ich wusste, dass meine Mutter dort geboren wurde, ebenso einer meiner Lieblingsschriftsteller, Mychajlo Kozjubynskyj (1864–1913). Damals bin ich noch nicht mit dem Schiff gefahren, um die Lieblingsplätze dieses bedeutendsten ukrainischen Schriftstellers zu sehen, bis hin zu jenem Felsen, von wo aus er oft gedankenversunken den Fluss beobachtete. Auch für viele andere existierte Winnycja bis vor kurzem kaum. Erst durch die schrecklichen Nachrichten erscheinen solche Städte auf unseren inneren Landkarten. Ich wünschte mir, man würde aus anderen Gründen an sie denken. An Winnycja zum Beispiel, weil wieder einmal ein Werk von Mychajlo Kozjubynskyj ins Deutsche übersetzt wurde. Oder weil die in Winnycja lebende ukrainische Autorin Katheryna Kalytko wieder einmal zu einer Lesung nach Deutschland kommt.

 

Es kommen seit dem Angriff täglich Nachrichten über neue Opfer in Winnycja. Eine Ärztin ist im Krankenhaus gestorben, ebenso eine 20-jährige Frau, die an morgens einen Zahnarzttermin hatte und auf die Straße ging, ein Kind, das sich zusammen mit seiner Mutter im Wartezimmer eines anderen Arztes aufhielt. Die Zahl der Menschen, die seit meinem Besuch in Winnycja gestorben sind, wächst. Und Winnyzja kommt in den Nachrichten vor, was uns daran erinnert, dass es in der Ukraine momentan keine sicheren Orte gibt. Auch die, die als ›relativ sicher‹ galten, sind es in Wirklichkeit nicht.

 

Beitragsbild

 

Foto Natalka Sniadanko: Katheryna Slipchenko.

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