außer der reihe 4: Giuseppe Ungaretti

Celans Bibliothek, eine der wichtigsten Autorenbibliotheken im Marbacher Archiv, enthält Bücher in mehr als zehn verschiedenen Sprachen, darunter mehrere hundert englische, französische und russische Bände. Widmungsexemplare bezeugen Celans persönliche Kontakte zu Schriftstellern und Schriftstellerinnen, Übersetzerinnen und Übersetzern. 1968 erschien Paul Celans Übersetzung von Giuseppe Ungarettis La terra promessa (1950) und Il taccuino del vecchio (1960) in einer zweisprachigen Ausgabe im Insel Verlag. Zusammen mit Ingeborg Bachmanns Ungarettis-Übersetzung (1961) machte sie den Dichter in Deutschland bekannt. In Celans Handexemplar von Il taccuino del vecchio kann man dem Übersetzer gleichsam bei der Arbeit zusehen: Er schreibt mitunter fast vollständige Übersetzungen direkt ins Buch. Ungarettis Verse scheinen übrigens die Dichter unter den Übersetzern besonders anzuziehen: Die jüngste deutsche Übersetzung stammt von Christoph Wilhelm Aigner (2003).

Wer war Ungaretti? »Ich stamme aus Alexandrien in Ägypten: andere Gebiete im Orient mögen Tausend und eine Nacht haben, Alexandrien hat die Wüste, hat die Nacht, hat das Nichts, hat die Sinnestäuschungen, die fantastische Nacktheit, die einen hinreißt und betört und zum Singen bringt, stumm«. Wüsste man nicht, dass Ungaretti hier die Stadt seiner Kindheit beschreibt, man müsste meinen, seine Worte gälten dem eigenen poetischen Werk. Denn Ungarettis meist kurzen Gedichte, die ab 1942 gesammelt unter dem Titel Leben eines Menschen erscheinen, tauchen als Wörter, Sätze und Bilder scheinbar aus dem sprachlosen Nichts auf und hinterlassen durch ihre chiffrenhafte Leuchtkraft und Intensität so etwas wie eine Musik der Stille.


Ungaretti, am 8. Februar 1888 geboren, hat Italien, das Land seiner Herkunft und Muttersprache erst 1912 betreten – auf der Fahrt zum Studium in Paris. Die Jahre in Ägypten haben den Sohn eines Arbeiters aus Lucca, der am Bau des Suez Kanals beteiligt war und durch einen Unfall starb, als Giuseppe zwei Jahre alt war, für immer geprägt. Seine Existenz und sein Werk speisen sich aus einem Gefühl grundsätzlicher Fremdheit. Im Zusammenhang mit den kindlichen Zwangsbesuchen am Grab des Vaters erwähnt Ungaretti überdies die tiefe Erfahrung der Vergänglichkeit: »alles zerbröselt, … alles ist von ganz kurzem Bestand, alles ist vorläufig.« So ist Ungarettis radikaler Bruch mit der poetischen Tradition und Konvention von Zeitgenossen wie Carducci, Pascoli und D’Annunzio nicht nur als Rebellion eines jungen Dichters, zu verstehen, der sich durch die Lektüre von Nietzsche, Rimbaud und Mallarmé munitioniert hat, sondern als Versuch in Worten zu überleben. Ungaretti hat sein fragmentarisches Sprechen, die Beschwörung von Augenblicken des eigenen Daseins zwar in Verbindung gebracht mit seinen Erfahrungen in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, doch haben diese Kriegserfahrungen wohl nur sein grundsätzliches Lebensgefühl verstärkt: »Ich musste das, was ich empfand, rasch sagen, und wenn ich es rasch sagen sollte, so musste ich es mit wenigen Worten sagen.« Das Wort hat auch Ungarettis äußeres Überleben gesichert, sein Einkommen verdiente er als Journalist, Übersetzer (Shakespeare, Racine) und Professor für italienische Literatur (1936–42 in Brasilien).


Ungarettis Erfolg als Dichter beim Publikum und bei der Kritik war und ist groß, zahlreiche Lesereisen und internationalen Auszeichnungen belegen seine öffentliche und populäre Wirkung. (Es war wohl das vorübergehende Engagement für Mussolinis Faschismus und das Vorwort des Duce zu einem seiner frühen Gedichtbände, das ihn den Nobelpreis gekostet hat.) Im Jahrhundert der politischen und existenziellen Heimatlosigkeit hat Ungaretti über Jahrzehnte eine lyrische Biografie formuliert, die Leid und Einsamkeit als Bedingung des dichterischen Seins annimmt. Die Titel seiner Gedichtbände benennen dabei Stationen einer Reise durch und ins Ungewisse. 1916 erschien als erster Band mit Versen Der begrabene Hafen; zehn Jahre vor Ungarettis Tod am 1. Juni 1970 in Mailand, veröffentlicht er neue Verse unter dem bezeichnenden Titel Notizen des Alten. Überlebens-Mut (»und gleich nimmt er / die Fahrt wieder auf / wie / nach dem Schiffbruch / ein überlebender / Seebär«) und Achtung vor dem Unsagbaren (»ein Geheimnis, das ich nicht angetastet habe, behält für mich einen unendlich poetischeren Geschmack«) machen jene Epiphanien möglich, die sich in den besten seiner Verse finden.


Dietmar Jaegle


Beitragsbild: Paul Celans Handexemplar von
Il taccuino del vecchio. Foto: DLA Marbach.

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