Erschossene Renaissance der ukrainischen Literatur

Es gibt nicht viele Romane der ukrainischen literarischen Moderne, die ins Deutsche übersetzt wurden. Die Stadt von Walerjan Pidmohylnyj (1901–1937) erschien vor kurzem in Guggolz Verlag in Berlin, ins Deutsche übertragen von Alexander Kratochvil, Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok. Den Titel erinnert an Marlen Haushofers Roman Die Wand – und es geht in Pidmohylnyjs Roman auch ein bisschen um eine Wand, genauer gesagt um die Mauer, die schreckliche Realität hinter dem Eisernen Vorhang.

Vor hundert Jahren war Walerjan Pidmohylnyj noch am Leben, man hat ihn noch nicht nach Sibirien verbannt, wo er im Alter von 36 Jahren starb. Sein Roman Die Stadt, der erste urbanistische Roman in der ukrainischen Literatur, gehört zum Kanon der ukrainischen literarischen Moderne – aber erst seit einigen Jahren. In der Sowjetzeit war der Roman verboten und der Name von Walerjan Pidmohylnyj und anderer modernistischer ukrainischer Autoren war völlig unbekannt. »Der Existenzialismus blitzt schon durch die Zeilen, die sanft ironische Erzählweise schlägt immer wieder in bissigen Spott um – und dennoch vermag Pidmohylnyj es, von den sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Zeit nicht nur zu berichten, sondern sie uns erzählerisch vor Augen zu führen und begreifbar zu machen«, so heißt es im Klappentext der deutschen Ausgabe. In den Augen der sowjetischen Zensur wäre so ein Satz Grund genug für die Verbannung oder sogar ein Todesurteil. Offiziell wurde Walerjan Pidmohylnyj wegen der »die Mitgliedschaft in der nationalistischen terroristischen Organisation« nach Sibirien verbannt. In dieser Zeit war die Mitgliedschaft in der nationalistischen teroristischen Organisationen in der Ukraine sehr populär. Es gab noch hunderte andere Mitglieder: Schriftsteller, Künstler, Akademiker. Nach einem offiziellen Prozess, der in Charkiw stattfand, wurden sie alle mindestens zu zehn Jahre Verbannung verurteilt. Manche begingen Selbstmord oder wurden hingerichtet. Walerjan Pidmohylnyj wurde 1937 in Sibirien anlässlich der Feier des 20-jährigen Jubiläums der Oktoberrevolution erschossen. Weitere 1.000 ukrainische Häftlinge wurden zusammen mit ihm erschossen – alle gehörten zu der intellektuellen Elite der Ukraine. Seitdem trägt diese Periode der ukrainischen Literaturgeschichte ein Namen: »Erschossene Renaissance«.

 

Die Stadt erzählt von Kyjiw, die heutige Hauptstadt der Ukraine ist der Haupheld des Romans. Aber damals, 1928, als das Buch in der Ukraine erschien, und 1930, als es ins Russische übersetzt wurde und in Moskau erschien, war Charkiw die ukrainische Hauptstadt. Das sollte sich in wenigen Jahren ändern, aber 1932, als Walerjan Pidmohylnyj von Kyjiw nach Charkiw umgezogen war, lebten in Charkiw sehr viele ukranischen Künstler und Intellektuellen. Sie bekamen staatliche Wohnungen in einer Strasse und lebten nahe beieinander. Und es lebte sich gut hier. In den 20er-Jahren versprach der neugegründete sowjetische Staat volle Unterstützung für die Kultur und Kunst alle Völker, die in der UDSSR lebten. Es sollte ein Ausgleich geben, ein Renaissance der im russischen Zarenreich unterdrückten Kunst und Kultur. Es wurden Verlage, Zeitschriften, und Zeitungen gegründet, viele literarische Gruppen sind damals entstanden, Theater blühte auf, es gab zahlreiche Ausstellungen und vieles mehr. Sogar Geld. Die Künstler wurden gut bezahlt, manche durften auch ins Ausland reisen, was für die normalen Sterblichen in der Sowjetunion undenkbar war. Es gab viele Gründe, nach Charkiw zu ziehen. Sogar die ukrainischen Künstler aus Lviv, das damals noch zu Polen gehörte, zog es nach Charkiw. Sie glaubten der sowjetischen Propaganda, an die kommende Renaissance und die blühende Zukunft der ukrainischen Kultur. Es dauerte aber nicht lange, bis es zu Schauprozessen und Verhaftungen kam. Dann wurden die besten und bekanntesten erschossen. Der wahre Grund dafür hatte natürlich nichts mit Terorismus oder Nationalismus zu tun. Obwohl der ukrainischer Nationalismus bis heute für Russland als Grund genügt, um den Angriff auf die Ukraine zu verteidigen. Der wahre Grund und das Ziel der damaligen Massenhinrichtungen in der Ukraine und der heutigen Bombenangriffe ist derselbe: ukrainische Kultur soll vernichtet werden, die Ukraine als Staat soll vernichtet werden, Ukrainer sollen vernichtet werden. Die Vernichtung dauert schon lange, fast vor 300 Jahren wurden im Russischen Reich die ersten Gesetze zum Verbot der ukrainischen Sprache im öffentlichen Raum erlassen. Diese Politik wurde in der Sowjetzeit weiter fortgesetzt. Die ukranische Sprache wurde zu einem Dialekt erklärt und die ukrainische Kultur sollte auf gar kein Fall modernistisch sein. Nur Folklore, nur volkstümlicher Humor, Tanzen und Singen in den Trachten, sonst nichts. Die Ukraine samt ihrer Kultur sollte auf die primitivste Form reduziert werden, und wer es wagte, Namen wie Walerjan Pidmohylnyj zu kennen oder über Modernismus und andere schädliche westliche Einflüsse zu reden, kam selbst in Gefahr, als ukrainischer Nationalist in die Verbannung geschickt zu werden.  

 

1956 wurde Walerjan Pidmohylnyj rehabilitiert. Er ist in seiner Heimatstadt Kyjiw begraben, auf dem selben Friedhof, wo auch der Sohn einer im heutigen Kyjiw lebenden ukrainischen Schriftstellerin, Switlana Powaliajewa, vor kurzem begraben wurde. Der Junge hieß Roman und wurde ein paar Tage vor seinem 25. Geburtstag erschossen. Er starb jung, aber trotzdem gelang ihm viel, für seinen Aktivismus wurde er bekannt, jetzt trägt eine Straße in Kyjiw seinen Namen. Roman kämpfte im heutigen Krieg, der Fortsetzung des ewigen Krieges Russlands gegen Ukraine, der seit Jahrhunderten dauert, und wo es um die Endlösung in Sachen Ukraine geht. Charkiw ist nicht mehr die Hauptstadt der Ukraine, aber eine Millionenstadt, in der ukrainische Kultur trotz jahrhundertelanger Russifizierung immer noch einen festen Platz hatte. Die größten ukrainischen Verlage hatten vor dem Krieg in Charkiw ihren Sitz. Jetzt werden dort keine Bücher mehr veröffentlicht. Aber Schriftsteller und Kulturschaffende aus allen Regionen der Ukraine gibt es nach vor, sie kämpfen dort, Männer und Frauen. Es gibt inzwischen mehrere urbanistische Romane über Charkiw, und es bleibt nur zu hoffen, dass alle Schriftsteller, die jetzt dort kämpfen oder humanitäre Hilfe leisten, überleben und weitere Romane schreiben können. Unsere Zeit soll nicht in die ukrainische Literaturgeschichte eingehen als »zweite erschossene Renaissance« kommen. Es soll weitere Kapitel in dieser Geschichte geben – nach diesem schrecklichen Krieg.

 

Beitragsbild

Foto Natalka Sniadanko: Katheryna Slipchenko.

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