Russisch als schleichendes Gift

›Russland‹ ist femininum auf Ukrainisch. Ukrainer sagen ›die Russland‹. Und sie sagen ›die Ukraine‹, nicht ›das‹ oder ›der‹. In der Sprache der russischen Propaganda verwandelt es sich aber sehr leicht in einen ›Bruder‹ und wird männlich. Am Anfang wirkt es verwirrend, aber wenn man etwas mehrmals wiederholt bekommt, gewöhnt man sich daran. So ist man inzwischen auch an dieses doppelte grammatische Geschlecht Russlands gewöhnt. Mal wird Kyjiw poetisch als ›die Mutter der russischen Städte‹ genannt. Dann verwandelt sich Kyjiw wieder in einen schlechten nationalistischen Buben, dem man hin und wieder gute Manieren beibringen muss.

 

Es versteht sich, dass der russische Bruder dabei der ältere, der überlegene, der stärkere und bedeutendere ist. Der ukrainischer Bruder ist jünger, die ukrainische Sprache wurde über viele Jahrhunderte ›Kleinrussisch‹ genannt. Bis heute gibt es ›Studien‹, die versuchen die ukrainische Kultur samt Sprache als minderwertige, unterentwickelte Kultur abzutun, die nicht der Rede wert ist. Ukrainisch wird oft und gerne auf den Status eines russischen Dialekts reduziert. Die deutsche Rechtschreibung transkribiert die Namen der ukrainischen Städte in russischer Übersetzung. Kyjiw heißt es auf Ukrainisch, nicht Kiew. Ich kämpfte lange mit meiner österreichischen Lektorin um ›Kyjiw‹ in meinem letzten ins Deutsche übersetzten Buch. Aber ich verlor den Kampf und jetzt schmerzt es mich bei jeder Lesung.

 

Russische Propaganda spielt gerne mit dem Mythos, dass Russisch und Ukrainisch zum Verwechseln ähnlich sind. Als Beweis dafür dienen die Ukrainer, die alle fließend Russisch sprechen. Aber wie viele Russen sprechen Ukrainisch? Warum fällt es Russen so schwer, Ukrainisch zu beherrschen, wenn die Sprachen tatsächlich so ähnlich sind?

 

›Russisch‹ ist femininum auf Ukrainisch. Ebenso wie ›Ukrainisch‹. Kein Wunder, dass die Sprachen im propagandistischen Diskurs nicht als männliche Dominanzfiguren verwendet werden, sondern die ewige weibliche Opferrolle haben. Sobald man über die jahrhundertelange Diskriminierung der ukrainischen Sprache spricht, zuckt das Gegenüber meistens nur gelangweilt mit den Schultern. Was ist denn daran neu? Das ist eine interne Angelegenheit der Ukrainer, sollen sie sich selbst darum kümmern … Und außerdem hat das Land wichtigere Probleme als die Sprachfrage.

 

Aber sobald z.B. in der Ukraine Quoten für die Einfuhr russischsprachiger Bücher und Medien eingeführt werden, sieht die Sache plötzlich anders aus. Nicht nur die russischsprachige Bevölkerung empört sich darüber, sondern auch die internationalen Medien berichten über die Unterdrückung der russischen Sprache.

 

Auch jetzt, wo die Sprachfrage täglich dazu benutzt wird, den Mord von tausenden überwiegend russischsprachigen Zivilisten in der Ukraine zu rechtfertigen, fällt man immer noch in die selbe Falle und lässt sich mit der Sprachfrage manipulieren.

 

Oft habe ich von deutschen Intellektuellen gehört, dass die Aufrufe ukrainischer Künstler zum Boykott der russischen Kultur in der Zeit des Krieges ›schleichende Gift‹ sei. Man dürfe die russische Kultur nicht wegen der russischen Politik diskriminieren, das sei unfair den russischen Künstlern gegenüber. Sicher. Es ist unfair. Aber der Krieg ist nun mal so. Was ist mit den ukrainischen Künstlern, die täglich durch russische Waffen sterben? Ist das Diskriminierung der Kultur aufgrund von Politik? Oder ist es wieder innere ukrainische Angelegenheit?

 

Viele Intellektuelle verwenden gerne das Argument, dass Kultur nichts mit Politik zu tun habe und Künstler nach ästhetischen Kriterien beurteilt werden sollten, nicht aufgrund ihrer politischen Überzeugungen. Das stimmt wohl. In Zeiten des Friedens. Aber diesen Sommer werden ukrainische Kinder in Mariupol keine Schulferien haben, weil sie zum intensiven Russischunterricht gezwungen werden: Sprache, Literatur, Mathe. Alles auf Russisch. Natürlich gilt das nur für die ukrainischen Kinder, die überlebt haben, und für diejenigen, die nicht evakuiert werden konnten wegen des beständigen Bombardements der Stadt. Sprechen wir weiterhin über die Kultur, die nichts mit Politik zu tun hat?

 

Fast nach jeder Lesung in Deutschland werde ich gefragt, ob es stimmt, dass in der Ukraine ernsthaft darüber diskutiert wird, Dostojewskij und Puschkin aus der Schulprogramm zu entfernen. Man ist fest davon überzeugt, dass ohne Dostojewskij und Puschkin ukrainische Kinder nicht glücklich und gebildet groß werden können. Dabei wird russische Literatur als Schulfach in Deutschland nicht einmal unterrichtet. Auch in Frankreich nicht und nicht in den USA. Nur im postsowjetischen Raum. Was ist das: Diskriminierung der russischen Kultur im Westen oder postkoloniales Überbleibsel im Osten?

 

Es stimmt schon, dass Russisch nicht nur Putins Sprache ist, sondern auch die Sprache von Tolstoj, Tschechow, Dostojewskij und anderen. Aber Putins Politik bringt diese Sprache zunehmend weniger mit Lermontov oder Zwetajewa in Verbindung, sondern mit Schriftstellern wie Sachar Prilepin, der seit 2017 stellvertretender Bataillonskommandeur in der Volksrepublik Donezk ist. Wenn man sich darüber empört, dass die Manuskripte russischer Autoren derzeit von deutschen Verlagen abgelehnt werden, nur weil es sich um russische Autoren handelt, darf man nicht vergessen, dass zu der Zeit, als Sachar Prilepin noch ein gefeierter und gern übersetzter Autor war, im okkupierten Donezk ukrainische Kinder bereits durch russische Schüsse starben.

 

Beitragsbild

Foto Natalka Sniadanko: Katheryna Slipchenko.

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