Sibirische Lerchen

Wenn du nur wüsstest
wie wir
uns niemals trennen konnten
weil wir
das ganze Leben
uns vereinten
näherkamen
und gemeinsam
in die Strömung eingingen
die so viel Wasser trägt
stets bleibt unsere Ukraine sichtbar
von Unkraut
überwuchert1

 

Unter dem Titel Sibirische Lerchen hat Sarah Kirsch 1985 einen Text zum Tod des ukrainischen Dichter Wassyl Stus veröffentlicht: »Die Befürchtung hat sich im September zur Gewißheit erhoben. Wassyl Stus ist am 4 September 1985 im sowjetischen Straflager 36 bei Perm zu Tode gekommen. 13 von 23 Jahren hatte er abgesessen, eins im berüchtigten Kolyma am nördlichen Eismeer, nachdem man ihm zwei Drittel des Magens wegoperiert hatte. Seine Manuskripte und Übersetzungen wurden wie seine gesamte Post vom KGB konfisziert. Seiner Frau wurde in den letzten 5 Jahren die Besuchserlaubnis verweigert«.2

 

Über diesen Text habe ich von Verena Nolte erfahren, die in München lebt und sich seit Jahrzehnten mit der Ukraine beschäftigt. Verena Nolte hat zahlreiche Projekte ins Leben gerufen, so beispielsweise ›Brücke aus Papier‹, das ukrainische und deutsche Schriftsteller an einem Ort zusammen bringt und so einen Austausch ermöglicht. Im Rahmen dieses Projektes wurde unter anderem eine deutsch-ukrainische Schriftstellerbegegnung in Mariupol organisiert. Dort wurde ein Dokumentarfilm über die nicht mehr existierende Stadt gedreht, und deutsche Autoren schrieben Gedichte über Mariupol, ein genauso exotisches Thema in der deutschen Literatur wie in den 1980er-Jahren das Interesse von Sarah Kirsch an einem ukrainischen Dichter.

Foto: https://en.wikipedia.org/wiki/Vasyl_Stus

Von diesem Interesse wussten nicht viele, aber Verena Nolte war mit Sarah Kirsch befreundet und riet mir, dazu auch in den Beständen des Deutschen Literaturarchivs Marbach zu recherchieren. Und ich bin tatsächlich fündig geworden: Bestätigungen der Post beweisen, dass Sarah Kirsch 1982 fast jeden Monat an Stus geschrieben und mindestens zehn Postkarten und Briefe an ihn geschickt hat. Sie hat aber nie eine Antwort bekommen. Vermutlich ist keiner ihrer Briefe bei Stus angekommen.

 

Unbeantwortet blieben auch zahlreiche Briefe von Amnesty International (Sektion der Bundesrepublik Deutschland) an den Kyjiwer Staatsanwalt: »Es würde eine lange Liste füllen, all unsere Briefe aufzuführen, die wir im Laufe diese neun Jahre an Sie und jene Behörden in der UdSSR richteten, die in irgendeiner Weise mit dem ›Fall‹ von Wassyl STUS zu tun hatten bzw. haben. Wir baten in diesen Briefen um bessere medizinische Versorgung, um Heimaturlaub während der Verbannungszeit. Wir protestierten gegen Schikanen in der Besserungsarbeitskolonie, gegen öffentliche Verleumdungskampagnen am Verbannungsort, – und immer wieder baten wir um die Freilassung dieses Mannes, der in keinem seiner Gedichte oder Briefe zu Umsturz, zu Gewalt aufruft. Bis heute erhielten wir keine einzige Antwort von Ihnen (oder anderen Behörden in der UdSSR). Den Regeln der Höflichkeit entspricht das wohl in keiner Weise, aber inzwischen erwarten wir kaum mehr eine Reaktion. Denn das Schweigen bedeutet auch eine Antwort. – Ihr Verhalten, Herr Staatsanwalt, ist für uns besonders wichtig, da in der UkrSSR keine Prozesse gegen Menschen wie Wassyl STUS ohne Ihre Billigung geführt werden.«

 

Wassyl Stus wuchs in Donezk auf und arbeitete später als Literaturwissenschaftler in der Kyjiwer Akademie der Wissenschaften. Das erste Mal wurde er wegen Protesten gegen sowjetische Verhaftungen und Repressionen gegenüber Bürgerrechtlern und Intellektuellen im Jahr 1972 festgenommen. Besonders stark waren die ukrainischen Intellektuellen davon betroffen, da man ihnen nicht nur die in der Sowjetunion üblichen Straftaten vorgeworfen hatte, sondern zusätzlich noch »ukrainischen Nationalismus«. Als Nationalist wurde jeder bezeichnet, der Ukrainisch sprach und sich für ukrainische Kultur interessierte. Stus wurde zu fünf Jahren Haft und drei Jahre Verbannung verurteilt. Sein unvollendeter Essay über den ukrainischen Dichter Pawlo Tychyna diente als einzige Beweis im Prozess. Auch im Lager schrieb und übersetzte Stus trotz des Schreibverbotes. Der Gedichtzyklus Palympseste entstand im Lager. Außerdem hat Stus im Gefängniss hunderte Gedichte von Goethe und Rilke ins Ukrainische übersetzt. Seine Freunde in der Haft protestierten mit Hungerstreiks gegen Verbot und Beschlagnahme der Texte und Übersetzungen von Stus. Einige haben sogar Gedichte auswendig gelernt, um sie auf diese Weise zu retten und später publizieren zu können. 1976 wurde Stus schwer krank, und man hat ihm – wie erwähnt – »zwei Drittel des Magens wegoperiert«. Das wiederkehrende Thema ist bei ihm sein Leben, das man ihn nicht leben lässt:

 

Wenn du nur wüßtest
wie wir
als unverschüttbares Wasser
vorbeifließen am Leben

(aus dem Zyklus Palimpseste)

 

Oder

 

Das Stück hat längst begonnen,
doch erst jetzt wird mir offenbar,
daß in dieser Vorstellung
jeder, seines Ichs verlustig,
zuschaut oder spielt, ohne zu leben.

 

Krippenspiel (alle Übersetzungen von Anna-Halja Horbach).

 

1979 wurde er entlassen und musste in einer Fabrik mit giftigen chemischen Stoffen arbeiten. 1980 kam es zu neuen Verhaftungen. Diesmal protestierte Stus gegen die inszenierte Beschuldigung seines Kollegen, des Musiklehrers und Bürgerrechtlers Mykola Horbal. Von diesem Fall kann man ebenso in dem im DLA Marbach aufbewahrten Brief der Gruppe 4250 Amnesty International erfahren. Im selben Brief wird auch die »geradezu beschämenden Verteidigung des Rechtsanwaltes Medvedchuks« während des Prozesses gegen Stus erwähnt. Die Rolle des heute berüchtigten schwerreichen und neulich wegen Staatsverrat verhafteten ukrainischen Oligarchen im Prozess gegen Stus war lange Zeit in der Ukraine unbekannt. Jetzt ist ein Buch darüber mit neu in Archiven gefundenen Informationen zum Bestseller geworden – trotz aller Bemühungen Medvedchuks, das Buch zu verbieten.

 

In der Bibliotkek des DLA finden sich auch Bände mit deutschen Übersetzungen von Stus’ Gedichten. In einem der Bücher informiert die Übersetzerin Anna-Halja Horbatsch in ihrem Nachwort sehr detalliert über die Bürgerrechtlerbewegung in der sowjetischen Ukraine. Das Buch erschien 1983, als Stus noch lebte, und die Schriftstellerkollegen von Amnesty International und vom Internationalen PEN, dessen Ehrenmitglied Stus wurde, sich darum bemühten, ihn aus der Gefangenschaft zu befreien. Im Zuge dieser Bemühungen wurde Wassyl Stus 1985 sogar für den Nobelpreis nominiert – als bis jetzt einziger ukrainischer Schriftsteller. Aber die Wirkung war anders, als man erhofft hatte. Als die Nachricht der Nobelpreisnominierung das Gefängnis von Stus erreichte, kam Stus unter besonders unmenschlichen Bedienungen in eine Einzelzelle. Dort ist er nach wenigen Tagen gestorben. Die Ursache seines Todes ist unbekannt – es hätte eine Folge seines schlechten Gesundheitszustandes sein können, aber vielleicht hat man ihn auch in den Tod ›geholfen‹ – aus Angst, dass die Welt von den Folterungen in sowjetischen Gefängnissen erfährt.

 

»Anfang Januar hat sich der Fluß mit einem hübschen Eispanzer versehn gegen die grimme Kälte und spiegelt das Licht hin und her in nimmermüder anhaltender Arbeit. Die gelben Schilfgürtel dahinter Schnee und flimmernde Gräben das alte Schöpfwerk ertrinken in kreiselnden Flocken obwohl die Sonne immer noch scheint und starker Frost herrscht seit Tagen und Nächten. Der Landstrich ist weit in den Norden gedriftet sibirische Lerchen springen im Steppengras Wölfe haben Schafe gerissen und die entfernten Bergwerke nehmen die Gefangenen auf in ihre dampfenden Därme. Das Sonnenrädchen am Fenster als ob die physikalischen Sätze nicht gelten läßt es die Rußflügel ruhn. Die Welt nun aus einer Farbe heißt mich fürchten es sei der verbannte ukrainischer Dichter dem ich jahrelang unzustellbare Briefe doch schrieb endgültig zum Schweigen gebracht«.3 

 

Beitragsbild

Foto Natalka Sniadanko: Katheryna Slipchenko.

  1. Wassyl Stus, Du hast Dein Leben nur geträumt. Auswahl aus der Gedichtsammlung ›Palimpseste‹, aus dem Ukrainischen übers. von Anna-Halja Horbatsch, Hamburg 1987 []
  2. Spuren – Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, Nr. 13, September/Oktober, S. 17. []
  3. Ebd. []

Ein Kommentar auf “Sibirische Lerchen”

  1. Harm von Lintig sagt:

    Das Schicksal von Wassyl Stus ist herzzerreisend. Eine schöne Seele wird zum Spielball einer unmenschliche Ideologie. Das Beispiel macht deutlich, dass der Stalinismus Russlands nie überwunden wurde und bis heute anhält.

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