»so viele Sprachen, Trachten, Nationen«

Geschichte ist ein oft grausames Spiel gegensätzlicher Kräfte. Weswegen Ciceros Warnung noch immer aktuell ist: »Nescire quid ante quam natus sis acciderit, id est semper esse puerum« (›Nicht zu wissen, was vor deiner Geburt geschehen ist, heißt immer ein Kind bleiben‹).

 

Die väterlichen Vorfahren des zu seiner Zeit populären österreichischen Schriftstellers und Publizisten Karl Emil Franzos waren Sepharden, d.h. Juden bzw. deren Nachfahren, die bis zu ihrer Vertreibung 1492 und 1513 auf der Iberischen Halbinsel lebten. Sie kamen im 18. Jahrhundert über Lothringen (noch unter dem Namen Levert) nach Galizien, wo sie den Familiennamen ›Franzos‹ annahmen.

 

Karl Emils Vater, von den Ideen des deutschen Liberalismus geprägt, fühlte sich als Deutscher. Als Bezirksarzt in Czortków bangte er während des Großpolnischen Aufstands um die Gesundheit seiner schwangeren Ehefrau, weswegen er sie kurz vor der Entbindung über die Grenze zur Familie eines befreundeten Försters im russischen Gouvernement Podolien schickte. Kurz nach der Entbindung kehrte die Mutter mit ihrem neugeborenen Sohn Karl Emil über die Grenze nach Czortków zurück.

 

In Czortków – heute Tschortkiw (ukrainisch Чортків), im Westen der Ukraine – wächst Karl Emil Franzos auf. Nach dem Tod des Vaters 1858 zieht die Mutter nach Czernowitz, d.h. ins seit 1849 autonome Kronland Bukowina. Als brillanter Schüler besucht Karl Emil, wie vom Vater testamentarisch festgelegt, das deutsche k.k. I. Staatsgymnasium Czernowitz, das für ihn der »Vorhof zum Paradies Deutschland« ist.

 

Karl Emil Franzos gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter des Genres der Ghettonovelle. Seine ›Heimatliteratur‹ verschweigt dabei keineswegs die Reformbedürftigkeit der orthodox-jüdischen Gemeinden des ostjüdischen Schtetl und nimmt die Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte ebenso in den Blick wie die Wanderung der jüdischen Bevölkerung von Osten nach Westen.

 

Franzos hat sich nicht nur mit seinen Romanen und Novellen in die deutsche Literaturgeschichte eingeschrieben, sondern auch als Editor. Ihm ist die »Erste kritische Gesammt-Ausgabe« Büchners zu verdanken (Georg Büchner’s Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß, 1879), die erstmals auch den Woyzeck enthält. Büchners Bruder Ludwig hatte das Stück nicht in die Nachgelassenen Schriften aufgenommen, da das Manuskript für ihn unleserlich war. Mit destilliertem Wasser und schwefelsaurem Ammoniak machte Franzos die Schriftzüge Büchners wieder sichtbar.

 

Karl Emil Franzos’ feuilletonistische Sammlung Aus Halb-Asien Halb-Asien. Land und Leute des östlichen Europa erschien ab 1876 und umfasste schließlich sechs Bände, darunter zwei mit dem Untertitel Culturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Rumänien.

 

Anlässlich des hundertsten Jahrestags der »Verlobung« der Bukowina mit Österreich feierte man am 4. Oktober 1875 statt in Czernowitz nicht nur das Jubiläum der Annexion, sondern auch die Gründung der deutschsprachigen Franz-Joseph Universität in der Stadt. Franzos rühmt aus diesem Anlass unter der Überschrift Ein Culturfest etwas, wofür er damals noch kein Wort kannte – Multikulturalität.

 

»Denn es gibt keinen andern Ort der Welt, wo man Ähnliches sehen könnte, in Europa mindestens gewiss nicht. Weder die Pracht des Festes, noch die Zahl der Teilnehmer diktiert mir diesen anscheinend sehr überschwänglichen Ausdruck. Aber schwerlich anderswo wird man so vielen Sprachen, Trachten, Nationen begegnen.«

 

Beitragsbild: Austria-Statue, errichtet 1875 anlässlich der Feier zum 100-jährigen Jubiläum der Zugehörigkeit der Bukowina zu Österreich und der Gründung der Universität von Czernowitz. Foto von 1905.

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