»Dann war ä Judenverfolgung in Odessa«

Das Manuskript von Meyrinks heute noch bekanntestem Roman Der Golem war von verschiedenen Verlagen ablehnt worden, als Kurt Wolff 1915 bereit war, 2.000 Exemplare zu drucken. Aufgrund eines Irrtums wurden jedoch 20.000 Exemplare hergestellt, die in wenigen Monaten abverkauft waren. Der Golem wurde zum Bestseller, allein in den ersten beiden Jahres seines Erscheinens wurden 145.000 Exemplare verkauft.

 

Der österreichische Autor (und Bankier) Gustav Meyrink (1868–1932), bekannt u.a. mit Rainer Maria Rilke, Emil Orlik, Arthur Schnitzler und Roda Roda, hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, darunter bitterböse Satiren unter dem Titel Des deutschen Spießers Wunderhorn und ein Lustspiel. Am meisten aber lagen ihm Stoffe »an der Grenze des Jenseits«. Der Mystik und dem Okkultismus galt auch sein lebenslanges privates Interesse.

 

Odessa, Schauplatz der Erinnerungen des chassidischen Juden Eidotter, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eines der wichtigsten Zentren der jüdischen Publizistik, Literatur und des Theaters. Der russische Zensus ermittelte 1897 einen jüdischen Bevölkerungsanteil von rund 30 Prozent in Odessa, Juden waren damit die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe der Stadt.

 

* * *

 

»Kabbala – Kabbala«, murmelte Eidotter. »Ja, freilich, Kabbala, die hab’ ich studiert. Lang. […]« – Seine Gedanken fingen an, in eine ferne Vergangenheit zurückzuwandern; er sprach sie aus, als stünden sie abseits von ihm – wie jemand, der auf Bilder zeigt und sie einem andern erklären will, bald langsam, bald schnell, je nachdem sie an seinem Gedächtnis vorüberzogen. – »Aber was drinn steht in der Kabbala – über Gott – is falsch. Es ist ganz anders in der Lebendigkeit. Damals – in Odessa –, da hab ich’s noch nicht gewusst. – Im Vatikan im Rom hab’ ich müssen übersetzen aus dem Talmud.” –

 

»Sie waren im Vatikan?« rief Sephardi erstaunt.

 

Der Alte hörte nicht darauf.

 

»Und dann is mir verdorrt die Hand.« – Er hob den rechten Arm, an dem die Finger die Wurzeln verkrümmt waren von Gichtknoten. – »In Odessa hat mer geglaubt bei die Griechisch-Orthodoxen, ich bin ä Spion, dass ich verkehr mit die römischen Gojim [Nichtjuden], – – und auf emol hat’s gebrennt in unserm Haus, aber Elias, sein Nam’ sei gepriesen, hat’s abgewendet, dass mir sind bloß auf der Gass’ gesessen: – meine Frau Berurje und ich sind die Kinderlich. – Dann später is gekommen Elias und hat an unserm Tisch gegessen nach dem Lauberhüttenfest. Ich hab’ gewußt, dass es is Elias, wenn Berurje auch hat gemeint, dass er heißt: Chidher Grün.« – Sephardi zuckte zusammen. Derselbe Name war gestern in Hilversum gefallen, als Baron Pfeill für Hauberrisser das Wort geführt und dessen Erlebnisse erzählt hatte! –

 

»In der Gemeinde hat mer gelacht ibber mir und wenn sie von mir gesprochen haben, hat’s immer geheißen: Eidotter? Eidotter is ä Nebbochant [unfähiger Mensch]; er läuft ohne Verstand herüm. – Sie haben nicht gewusst, dass mich Elias unterweist in dem doppelten Gesetz, das Moses dem Josua überliefert hat von Mund zu Ohr«, – ein Glanz von Verklärung belebte seine Züge – »und dass Er die zwei verhüllenden Lichter der Makifim [umgebende Seelen-Lichter] in mir umgestellt hat. – Dann war ä Judenverfolgung in Odessa. Ich hab’ mein Kopf hingehalten, aber es hat die Berurje getroffen, dass ihr Blut is über den Boden hingeflossen, wie sie hat wollen die Kinderlich beschützen, als eins nach dem andern is erschlagen worden.« –

 

Sephardi sprang auf, hielt sich die Ohren zu und starrte entsetzt Eidotter an, in dessen lächelndem Gesicht keine Spur von Erregung zu bemerken war. –

 

»Ribke, meine älteste Tochter, die hat geschrien zu mir um Hilfe, wie sie sich haben ibber ihr gestürzt, aber mer hat mich festgehalten. – Dann haben Sie mei Kind mit Petroleum begossen – und angezündt.«

 

Eidotter schwieg, blickte sinnend an seinem Kaftan herunter und zupfte kleine Fältchen aus den zerschlissenen Nähten. Er schien vollkommen bei Sinnen zu sein und trotzdem keinen Schmerz zu empfinden, denn nach einer Weile fuhr er mit klarer Stimme fort: »Wie ich dann später hab’ wieder wollen Kabbala studieren, hab’ ich nicht mehr können, denn die Lichter der Makifim waren in mir umgestellt.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Sephardi bebend. »Hat das furchtbare Leid Ihren Geist umnachtet?«

 

»Das Leid nicht. Und auch bin ich nicht umnachtet. Es is so, wie man sagt von die Ägypter, dass sie haben än Trank gehabt, der wo vergessen macht. – Wie hätt ich’s denn sonst überleben können! – Ich hab’ damals lang nicht gewusst, wer ich bin, und wie ich’s dann doch wieder gewusst hab’, hat mir gefehlt, was der Mensch zum Weinen braucht, aber auch so manches, was mer zum Denken braucht. – Die Makifim sind umgestellt. – Von da an hab’ ich, ich möchte sagen: das Herz im Kopf und das Gehirn in der Brust. Besonders manchmal.«

 

Beitragsbild: Erstausgabe des Grünen Gesichts mit Schutzumschlag. Leipzig: Kurt Wolff Verlag, 1917.

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