Bringen Waffen Frieden in der Ukraine oder eine Fortsetzung des Krieges?

Gestern las ich in den Nachrichten, dass die Umgebung von Odessa schwer bombardiert wurde. Wir haben dort im letzten Sommer Urlaub gemacht. Es war ein sehr ruhiger Ort. Wir mieteten ein Sommerhaus, ganz nahe am Wasser. Und das Wasser war so sauber, dass am Strand Fischer stehen und Säcke voll von kleinen Fischen fangen konnten. Man erklärte uns, dass es hier im Gegensatz zu Odessa sehr sauberes Meerwasser gäbe. Ein Naturwunder trotz vieler Industrie in der Gegend. Heute dachte ich an die sympathischen Menschen, die sehr viel in ihr Sommerhaus investiert hatten. Eine Familie mit zwei erwachsenen Söhnen. Wo sind die Söhne jetzt wohl? In Sicherheit? An der Front? Warten sie auf die Waffenlieferungen aus Europa, um ihr Sommerhaus beschützen zu können?

 

 

Ich hätte nie gedacht, jemals in eine Situation zu kommen, in der ich mit deutschen Intellektuellen über Waffen diskutieren würde. Schlimmer noch – über Waffenlieferungen. Eigentlich ist es nur zur Hälfte eine Diskussion. Deutsche Kollegen sind sich einig: Waffen sind schlimm, sie bringen Krieg, nicht Frieden. Das stimmt auch, ich bin vollkommen derselben Meinung. Waffen töten. Zurzeit bringen sie ukrainische Soldaten, Zivilisten, Kinder und Frauen um. 217 Kinder wurden seit Kriegsbeginn in der Ukraine getötet. 393 wurden schwer verletzt. Russische Waffen zielen auf ukrainische Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, selbst dort, wo in großen Buchstaben ›Kinder‹ zu lesen ist. Diese Buchstaben kennen wir alle sehr gut aus Mariupol.

 

 

Die Frage bleibt nach wie vor: Werden mehr oder weniger Leute sterben, wenn man mehr Waffen in die Ukraine liefert? Oder andersherum: Bringen Waffen Frieden in der Ukraine oder eine Fortsetzung des Krieges? Für die Ukrainer ist es gar keine Frage, aber sie erleben den Krieg unmittelbar, nicht im Fernsehen wie der Rest der Welt. Deswegen müssen sie bestimmte Dinge nach außen erklären.

 

 

1917 wurde diese Frage nach Waffen falsch beantwortet. Damals, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der k. u. k. Monarchie und des russischen Imperiums, wurde in der Ukraine ein unabhängiger Staat gegründet. Mit der Hauptstadt und Kyjiw Mychajlo Hruschewsky als Präsident des neugegründeten Staates– ein hervorragender Wissenschaftler (Historiker), aber kein guter Politiker. Die damalige ukrainische Regierung bestand eigentlich aus hervorragenden Leuten, aus Schriftstellern, Künstlern, Intellektuellen. Sie genossen große Autorität in der Bevölkerung und legten großen Wert auf die Kulturpolitik der unabhängigen Ukraine. Der neugegründete Staat hieß UNR (Ukrainische Volksrepublik). Sie wurde von der Bevölkerung stark unterstützt. Es kamen ganze Einheiten der österreichischen Armee: Ukrainer, voll bewaffnet, mit Munition und mit dem Wunsch, den neugegründeten ukrainischen Staat zu schützen. Sie kamen nach Kyjiw und boten Mychajlo Hruschewskyj und seiner Regierung ihre Dienste an. Sie wurden herzlich empfangen – und nach Hause geschickt. Mit den Worten, die Politik des neuen Staates erfahre so viel Unterstützung durch die der Ukrainer, dass man im Moment keinen militärischen Schutz, keine Waffen brauche. Nur gute Ideen und Projekte für die Zukunft. Sollte der ukrainische Staat in Zukunft Waffen und Soldaten brauchen, sollten sie sich alle bitte wieder melden.

 

 

So gingen die ukrainischen Soldaten nach Hause, zerstreuten sich im ganzen Land und kehrten in ihre zivilen Berufe zurück.

 

 

1918 wurde im Westen der Ukraine ebenso ein unabhängiger Staat gegründet, die ZUNR (Westukrainische Volksrepublik). Beide Staaten vereinigten sich bald. Den Tag dieser Vereinigung feiert man in der Ukraine noch heute. Was sie aber nicht schafften, war, sich zu schützen im Krieg mit Russland. Man konnte, natürlich, die Soldaten der k. u. k. Armee nicht mehr zusammenziehen zu einer ukrainischen Armee. Waffen lagen in Scheunen und Kellern, während die UNR Regierung aus Kyjiw emigrieren musste. Der ukrainische Staat von damals existierte nicht lange und scheiterte vor allem daran, dass man keine Armee und keine Waffen hatte, um sich zu wehren.

 

 

Es ist in diesem Krieg nicht anders als sonst. Man kann nur dann den Feind stoppen, wenn man überlegen ist. Durch Soldaten und Waffen. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass Waffen schlimm sind und töten. Ich will nur, dass die ukrainischen Kinder eine Chance bekommen, von bewaffneten ukrainischen Soldaten geschützt zu werden und nicht russischen Waffen ausgeliefert zu sein.

 

 

Beitragsbild

Foto Natalka Sniadanko: Katheryna Slipchenko.

 

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