»Ich wurde am 27. Jänner (dem Geburtstage Mozarts) in Lemberg geboren«

Ich wurde am 27. Jänner (dem Geburtstage Mozarts) des Jahres 1836 in Lemberg, der Hauptstadt des Königreiches Galizien, geboren. […] Durch meinen Großvater Johann Nepomuk Ritter von Sacher kam die Familie nach Galizien zur Zeit, als dieses Land bei der Teilung Polens 1772 österreichisch wurde. […]

 

Ich brachte meine Kindheit in einem Polizeihause zu. Nur wenige wissen noch, was dies in Österreich vor 1848 sagen will: Polizeisoldaten, welche Vagabunden und gefesselte Verbrecher einbringen, finster aussehende Beamte, ein magerer, schleichender Zensor, Spione, die niemandem in das Gesicht zu sehen wagen, die Prügelbank, vergitterte Fenster, durch welche hier lachend geschminkte Dirnen, dort melancholisch bleiche polnische Verschworene blicken. Das war, weiß Gott, keine fröhliche Umgebung!

 

Zum Glück genoss ich sie nur im Winter, und auch da vermochten diese hässlichen Eindrücke nur bis zur Schwelle zu dringen, hinter der meine gute, sanfte, verständige Mutter, dir nur ihrem Mann und ihren Kindern lebte, alles mit einem ruhigen, wohltätigen Lichte erfüllte. Beinahe noch größeren Einfluss als sie nahm meine Amme, eine kleinrussische Bäuerin aus der Gegend von Lemberg, auf mich. Sie war lange Jahre in unserem Hause und in dieser Zeit der Abgott der Kinderstube. Es war ein großes, schönes Weib, ihr sanftes Antlitz fand ich viele, viele Jahre später in der Florentiner Tribune wieder, an der holden Madonna della Sedia von Rafaels Meisterhand gemalt. Sie erzählte mir alle jene schönen Geschichten und wunderbaren Märchen, welche in dem Munde unseres phantasievollen kleinrussischen Volkes leben, sie erzählte mir von Dobosch, dem Räuber, von der schönen Esterka, der jüdischen Pompadour Polens, von der unglücklichen Barbara Radziwill, von Bogden Chmielnizki, der an der Spitze der Kosaken den Adel Polens auf so viel Schlachtfeldern in die Flucht trieb, von dem Wojwoden Potozki, der Polen verriet und der wahnsinnig wurde, als er Nachts am Balkone seines Schlosses in der Ukraine das Volkslied hörte, das ihn für ewig brandmarkte, und sie sang mir alle jene herrlichen, schwermütigen Lieder, wie sie der kleinrussische Bauer singt, die ihresgleichen suchen an Kraft und Poesie und herzergreifender Melodie. Die wahre Freudenzeit war um Weihnachten, wenn Tag und Nacht gebacken wurde, und eine große Krippe aufgestellt war, und man sah das Jesuskind im Stalle zwischen Ochs und Esel, und die Hirten, die Geschenke brachten, und die heiligen drei Könige und sah oben den Stern aus Goldpapier, der sie führte. Dann saßen wir Kinder und die gute Amme und die Dienstleute umher und sangen die köstlichen Kolendi (Weihnachtslieder), in denen das tiefe Gemüt unseres Volkes mit seinem schalkhaften Humor wetteifert.

 

Erstdruck in: Deutsche Monatsblätter. Centralorgan für das literarische Leben der Gegenwart, Jahrgang 2, Heft 3, Bremen (J. Kühtmann’s Buchhandlung) Juni 1879, S. 259–269.

 

Beitragsbild: Brief von Leopold von Sacher-Masoch auf eigenem Briefpapier (22. Oktober 1883).

kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise gemäß DSGVO.