»wie die Kinder der Ukraine einst geliebt und gekämpft!«

Die poetische Ukraine. // Eine Sammlung // kleinrussischer Volkslieder. // Ins Deutsche übertragen // von // Friedrich Bodenstedt. // Stuttgart und Tübingen. // J. G. Cotta’scher Verlag. // 1845.

 

Vorwort.

 

Ueber den Werth der Volksdichtungen im Allgemeinen haben sich schon zu viele gewichtige Stimmen lobend vernehmen lassen, als daß die Herausgabe vorliegender Sammlung einer weitern Rechtfertigung bedürfte.

 

Die größten Dichter aller Länder haben nicht verschmäht aus dem unversiegbaren Quell zu schöpfen, der ihnen in den Liedern ihres Volkes entgegenfloß. – Heinrich Heine sagt irgendwo: »Es liegt in den Volksliedern ein sonderbarer Zauber.« […]

 

»Da nun aber« – sagt Goethe – »solche Gesänge sich meist aus einer spätern Zeit herschreiben, die sich auf eine frühere bezieht, so verlangen wir von ihnen einen angeerbten, wenn auch nach und nach modificirten Charakter, zugleich mit einem einfachen, den ältesten Zeiten gemäßen Vortrag.« –

 

Daß diese Eigenschaften der hier mitgetheilten Sammlung nicht fehlen, wird der gebildete Leser auf den ersten Blick wahrnehmen.

 

Für die Treue meiner Uebersetzungen bürge ich; – ob es mir gelungen ist, die weichen, wohlklingenden Verse, die den Liedern der Ukraine einen so eigenthümlichen Reiz geben, glücklich nachzuahmen, muß ich der Beurtheilung einsichtsvoller Kritiker überlassen.

 

Indem ich’s jedoch wage, die Kinder fremden Landes an meiner Hand einzuführen in mein deutsches Vaterland, liegt mir die Pflicht ob, zuvor ein Wort über ihre Herkunft und Heimath zu sagen. Ich verweise dieserhalb den geneigten Leser auf die geschichtliche Einleitung welche den Liedern vorausgeht, und bestimmt ist, in leichten Umrissen ein Bild des Volks zu geben, das sie gesungen.

 

Erst seit wenigen Jahren hat man in Rußland angefangen, sich mit Sammlungen ukrainischer Volkslieder zu beschäftigen, und ohne die eifrigen Bemühungen eines Czarnocki und Maximowitsch wären die herrlichen Lieder wahrscheinlich im Strudel der Zeit untergegangen und der Vergessenheit anheimgefallen.

In Polen war es Lach-Szyrma – Verfasser eines trefflichen Werks über polnische Literatur – welcher zuerst im Jahre 1818 einige ukrainische Gesänge mit polnischer Uebersetzung in periodischen Blättern erscheinen ließ.

 

Im Jahre 1833 gab Wenceslas Zaleski eine Sammlung polnischer und gallizischer Lieder mit Musik von dem berühmten Lipinski heraus.

 

Adam Czarnocki, ein junger polnischer Gelehrter, bekannt unter dem Pseudonamen Zoryan Chodakowski, hat einige Jahre seines Lebens darauf verwandt, die Reste der ukrainischen Volkspoesie zu sammeln. Leider verhinderte ihn sein frühzeitiger Tod, sein Unternehmen zu vollenden, und die Sammlung kam in die Hände eines russischen Gelehrten, M. Maximowitsch, welcher im Jahr 1827 die erste Ausgabe davon erscheinen ließ. Später bereicherte dieser seine Sammlung unter Mitwirkung des Fürsten Tzertelev, Sreznievski und Anderer, durch mehr denn 2000 Lieder und Fragmente, und ließ 1834 in Moskau eine neue Ausgabe davon erscheinen. […]

 

So mögen denn die duftigen Lieder gleich klagenden Winden hinwehen zu den Gauen der Deutschen, und den Deutschen erzählen, wie die Kinder der Ukraine einst geliebt und gekämpft!

 

Tiflis den 1. October 1844.

 

Mehr unter: Friedrich von Bodenstedt: Die poetische Ukraine. Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder. J. G. Cotta, Stuttgart u. Tübingen 1845, Seite V. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_poetische_Ukraine_(1845).pdf/14&oldid=- (Version vom 28.2.2022)

 

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