Gegen Krieg und dessen Heroisierung: der bukowinische Dichter Moses Rosenkranz

Moses Rosenkranz wird 1904 im heute ukrainischen Berehomet am Pruth im Norden der Bukowina als das siebte von neun Kindern einer nicht-orthodoxen jüdischen Familie geboren. Die Stadt ist Teil der österreich-ungarischen Doppelmonarchie und von einer Mischung aus Religionen, Ethnien und Sprachen geprägt. Jiddisch, Deutsch, Polnisch, Rumänisch und Ruthenisch (d.i. Ukrainisch) sind die Sprachen, die auf den kleinen Edmund Rosenkranz – Moses nennt er sich erst als Jugendlicher und angehender Dichter – einwirken. Seine Kindheit ist bestimmt von Armut, Gewalt, Flucht und Sprachlosigkeit. Eine Muttersprache habe es für ihn nicht gegeben. (O-Ton dazu: https://www.mosesrosenkranz.de/videos.html: Moses Rosenkranz im Interview. Matthias Huff führte 1995 Gespräche mit Moses Rosenkranz in dessen Haus in Lenzkirch-Kappel 1:57-2:44) Schreiben wird er später auf Deutsch.

 

Immer wieder erzwungene Ortswechsel führen die Familie ins heute polnischen Bielitz, nach Prag und zurück in die Bukowina, nach Czernowitz. Als Wanderarbeiter verschlägt es den jungen Mann in den Zwischenkriegsjahren bis nach Südfrankreich. In den 30er-Jahren zieht es ihn wieder nach Czernowitz. Er findet Aufnahme in intellektuelle Kreise, freundet sich mit dem Schriftsteller Alfred Margul-Sperber an und kann erste Lyrik-Bände veröffentlichen. Mit dem Einmarsch deutscher und rumänischer Truppen endet diese vermutlich glückliche Zeit.

Die Verschleppung in diverse Arbeitslager – erst rumänisch-faschistische, nach 1944 sowjetische – lässt sich nur lückenhaft nachvollziehen: Wie den etwas jüngeren Paul Celan, dem er im Lager Tăbărăști begegnet, rettet wohl auch Rosenkranz seine freiwillige Meldung für rumänische Arbeitslager vor der Deportation und Ermordung durch die Nationalsozialisten.

Das Ende des NS bedeutet für Rosenkranz nicht Freiheit sondern einen „Höllenzug durch den ganzen Gulag“ (Rosenkranz). 1961 kann er schließlich in die Bundesrepublik fliehen, wo er bis zu seinem Tod 2003 zurückgezogen in Lenzkirch im Schwarzwald lebt.

 

Rosenkranzʼ Werk ist schmal, die vor dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Bücher sind vergriffen. Doch um die Jahrtausendwende gelingt dem Rimbaud Verlag mit Rosenkranzʼ Lyrikband Bukowina. Ausgewählte Gedichte 1920–1997 (1998) und vor allem den ersten (und einzigen) Bänden seiner Fragment gebliebenen Autobiografie (Kindheit, 2001 und Jugend, 2014) ein kleines Comeback des Dichters.

 

2021 erscheint – ebenfalls bei Rimbaud – sein im Nachlass entdeckter, um 1960 entstandener einziger Roman: In Der Hund. Franz Dubas Bericht verflicht Rosenkranz die Lebensläufe des KZ-Häftlings Duba, der Zwangsprostituierten Julia Paschkes und des SS-Wachhundes Nero.

 

Neben diesem anti-faschistischen Roman finden sich in Rosenkranzʼ Nachlass auch frühe Gedichte, die von der Schönheit der Landschaft der Bukowina, vor allem aber von Krieg, Flucht und Elend erzählen. Seine Gedichte wenden sich immer klar gegen Krieg, gegen dessen Heroisierung und lassen das einfache Volk zu Wort kommen: „spät, wenn unsre Waffen braun verrosten, / wer erinnert unser Heldentum?“ (Nur der Schmerz aus der Sammlung Marianne im Kerker von 1943).

 

Heute erinnern u.a. das ›Czernowitzer Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina‹ und das ›Paul Celan Literaturzentrum‹ in Czernowitz (https://celanzentrum.com/) an Moses Rosenkranz und sein Werk.

 

Nikola Herweg

(mit Unterstützung von Anna Brandewiede)

 

 

Quellen

 

Moses Rosenkranz: Marianne im Kerker, 1943. In: Nachlass Moses Rosenkranz, DLA Marbach.

 

Moses Rosenkranz im Interview. Matthias Huff führte 1995 Gespräche mit Moses Rosenkranz in dessen Haus in Lenzkirch-Kappel. In: https://www.mosesrosenkranz.de/videos.html (abgerufen am 4.3.2022).

 

Moses Rosenkranz. Leben in Versen. Film von Matthias Huff. Eine Produktion von Dr. Matthias Huff in Zusammenarbeit mit Dr. Oxana Matiychuk / Zentrum Gedankendach, Czernowitz, und der Moses Rosenkranz Nachlass Gbr. © 2020 Matthias Huff (Vertrieb über: Matthias-Film gGmbH). – Eine Dokumentation für den Schulunterricht.

 

Burkhard Baltzer: Geschichte mit kleiner Münze. »Der Hund«: Die Geburt einer Fiktion hinter der vergitterten Realität. In: Der Hund. Franz Dubas Bericht. Hrsg. von Sascha Feuchert und Andrea Löw. Aachen 2021. S. 165–184.

 

Andrea Löw: »Der Hund« – Versuch einer historischen Einordnung. In: Ebd., S. 185–202.

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