außer der reihe 2: elizabeth barrett browning

Für ihre Verse wollte sie berühmt sein, nicht für ihre Lebensgeschichte. Diesen Wunsch hat ihr die Nachwelt nicht erfüllt. Den romanhaften Seiten im Leben und der Persönlichkeit von Elizabeth Barrett Browning wäre aber auch schwerlich ein vergleichbar faszinierendes Wort-Kunstwerk an die Seite zu stellen.

 

Zwölf Kinder zeugte Edward Moulton Barrett, der sein beträchtliches Vermögen den von Sklaven bewirtschafteten Zuckerplantagen auf Jamaika verdankte. Elizabeth, das älteste seiner Kinder, kam am 6. März 1806 in Coxhoe Hall, Durham, zur Welt – die erste Barrett nach über 200 Jahren, die wieder in England geboren wurde. Anregungen in Fülle boten der frühreifen Elizabeth – schon als 4-jährige begann sie zu schreiben – nicht nur ihre Geschwister, sondern vor allem »Bücher, Träume und Gedanken«. Noch keine zehn Jahre alt, hatte sie Shakespeare, Popes Homer-Übersetzung und Milton gelesen. Ihre Erziehung fand gleichsam nebenbei statt: Griechisch und Latein lernte sie an der Seite ihres ältesten Bruders. Als Teenager las sie die antiken Klassiker ebenso im Original wie Dantes Inferno und das Alte Testament – das nötige Hebräisch hatte sie sich selbst beigebracht. Sie war noch nicht fünfzehn, da hatte sie bereits ein Epos verfasst: Die Schlacht von Marathon. Zur Literatur trat 1821 das Leiden – eine erste schwere ›nervöse‹ Erkrankung zwang Elizabeth aufs Krankenlager, weg von den Menschen, hin zur fremden und eigenen Literatur. (Ihre früh ausgeprägten »wilden Visionen« als »enthusiastische« Christin mögen daraus Nahrung bezogen haben.) Mit ihren bis heute nicht genau diagnostizierbaren und durch den Tod der Mutter und des Bruders Edward verstärkten Leiden verbunden war eine gleichfalls ihr ganzes Leben prägende Opiumsucht, ausgelöst durch das damals gern verordnete Schmerzmittel Laudanum.

 

Ab 1838 machte sich Elizabeth Barrett mit Gedichtbänden einen Namen in der literarischen Öffentlichkeit, neben religiösen und empfindsamen Versen stehen Gedichte wie Cry of the Children, eine kraftvolle Anklage gegen einen der Pfeiler der viktorianischen Wirtschaft: die Kinderarbeit. Während ihre Worte auf Wirkung in der Welt bedacht waren, lebte die Autorin selbst zurückgezogen im Haus ihres tyrannischen Vaters in London. Dort lernte sie durch die Vermittlung eines Vetters Robert Browning kennen, der ihre Werke schätzte und zunächst Briefe mit ihr wechselte. Browning, als Dichter heute neben Alfred Tennyson die Zentralgestalt der Literatur seiner Zeit, verliebte sich in die sechs Jahre ältere und kränkliche Elizabeth – und konnte sie schließlich von seiner Liebe überzeugen. 574 Briefe aus jener Zeit haben dieser Liebesgeschichte ein Denkmal gesetzt. Auch die 44 später von Rilke übersetzten Sonnets from the Portuguese stammen aus der Zeit der Werbung. Als sie 1850 veröffentlicht wurden, sollte der Zusatz » from the Portuguese« bewusst den biografischen Kontext verschleiern.

 

Die heimliche Eheschließung mit Browning und die Flucht mit ihm Ende 1846 nach Italien bedeutete die wohl größte Wende im Leben von Elizabeth Barrett. Vom Vater zwar enterbt (glücklicherweise verfügte sie über etwas eigenes Geld), verbesserte sich doch ihre Gesundheit; 1849 kam ein Sohn zur Welt. Das Leben an der Seite eines Dichters ließ die Dichterin keineswegs verstummen. Dem Versroman Aurora Leigh (1857) sichert sein emanzipatorisches und sozial-politisches Engagement noch heute Aufmerksamkeit. Elizabeth Barrett Browning, geschätzteste Dichterin des 19. Jahrhunderts in England und den USA, starb in Florenz am 29. Juni 1861 – in den Armen ihres Mannes.

 

Dietmar Jaegle

 

Beitragsbild: Rilkes Übersetzung, erstmals 1908 erschienen, als Band 252 der Insel-Bücherei, Leipzig 1930.

 

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