lesespuren: leserpsychologie und textverstehensforschung

Gibt es schon empirische Studien, in denen das analoge und digitale Lesen literarischer Texte im Mittelpunkt standen?

Die sog. Shallowing Hypothese (P. Delgado, C. Vargas, R. Ackerman und L. Salmerón, »Don’t throw away your printed books: A meta-analysis on the effects of reading media on reading comprehension«, in: Educational Research Review 25 (2018), S. 23–38) geht davon aus, dass sich Leserinnen und Leser in digitalen Umgebungen weniger gut auf lange, das Verständnis herausfordernde Texte konzentrieren können und sich leichter ablenken lassen. Bisherige Forschung unterstützt diese Hypothese und zeigt, dass das Verstehen von digitalen Texten im Vergleich zu gedruckten Texten geringer ist. Allerdings wurde dieser Effekt nur bei Sachtexte beobachtet. Bei narrativen Texten zeigten sich keine Unterschiede. Die Autoren gehen davon aus, dass die Komplexität der Texte eine Rolle spielen könnte. Komplexere narrative Texte wurden bisher noch nicht untersucht.

 

Das Deutsche Literaturarchiv und das Leibniz-Institut für Wissensmedien haben eine mehrwöchige Tagebuchstudie zum Lesen kanonischer Texte durchgeführt. Wie genau sah die Studie aus?

Die 21 teilnehmenden Studierenden konnten aus 20 Texten (unter anderem von Goethe, Kafka und Else Lasker-Schüler) frei auswählen, welche sie für die Studie lesen wollten und in welcher Form. Sie haben über einen Zeitraum von vier Wochen diese Lektüren in einem Tagebuch festgehalten und so insgesamt 165 Leseepisoden dokumentiert.

 

Was sind die Ergebnisse dieser Dokumentationen?

Die Texte wurden zumeist (in 71 % der Leseepisoden) in Büchern gelesen. Anders als diese analogen Leserinnen und Leser neigen diejenigen, die auch digital lesen, zu einer Medienmischung: Sie lesen häufiger die Texte sowohl digital wie gedruckt. Die Häufigkeit von Mindwandering, also dem gewollten oder ungewollten Abschweifen der Gedanken unterschied sich nicht. In beiden Medien kam es in etwa der Hälfte der Leseepisoden zu diesem Mindwandering. Allerdings war der Anteil von Mindwandering, das nicht mit dem Text in Zusammenhang steht, beim Lesen digitaler Texte häufiger als beim Lesen von Büchern und wurde von den Leserinnen und Lesern als wesentlich weniger bereichernd bewertet. Dieses Ergebnis spricht für die Shallowing Hypothese: Beim digitalen Lesen driften die Gedanken häufiger ungewollt zu Sachen ab, die mit dem Text in keinen Zusammenhang stehen.

 

Gibt es weitere Besonderheiten der digitalen Lektüre?

Leserinnen und Leser gaben häufiger (13 %) an, die Texte zu überfliegen (bei Büchern 6 %). Auch haben sie weniger in den Texten markiert (digital 18 % vs. print 35 %) und kommentiert (digital 9 % vs. print 20 %). Bei Fragen nach dem Lesevergnügen (z.B. Gefallen des Textes, Immersion und subjektives Verständnis) zeigten sich etwas geringere Mittelwerte. Allerdings ist aus diesen Ergebnissen der Schluss nicht zwingend, dass diese Unterschiede tatsächlich durch die jeweiligen Medien verursacht werden. Es ist z.B. auch denkbar, dass Leserinnen und Leser Texte digital gelesen, weil sie von vornherein annehmen, sie könnten sie weniger interessant finden. Die Studierenden lasen oft auch schon mit bestimmten Vorentscheidungen. Einige gaben explizit an, dass sie sich bei Büchern besser konzentrieren können. Es wäre also möglich, dass diese Leserinnen und Leser dann auf digitale Texte zurückgreifen, wenn für sie Vorteile des digitalen Formats (mobil, platzsparend, kostengünstig, ideal fürs Überfliegen und unverbindliche Hineinlesen) überwiegen.

 

Wie suchen sich Studierende der Literaturwissenschaft Bücher aus?

Das soziale Umfeld spielt eine Rolle. Viele Studierende tauschen sich mit Freunden und Familie aus, um sich über lesenswerte Bücher zu informieren. Über die Hälfte der Studierenden vertraut bei Empfehlungen auf Bestseller-Auszeichnungen. Bis auf Online Communities (z.B. Wattpad, Goodreads usw.) und die Literaturkritik der Feuilletons spielen Medien, auch die sozialen Medien eine eher untergeordnete Rolle.

 

Welche Erwartungen haben sie speziell an die Lektüre kanonischer Texte?

Studierende erwarten von kanonischen Texten im Vergleich zu anderen Büchern vor allem Bildungserweiterung, literarische Qualität und Einzigartigkeit der Texte. Eher durchschnittlich bis unterdurchschnittlich sind die Erwartungen an Vergnügen und Entspannung. Interessant ist dabei auch, dass Studierende auf die Frage, welche Texte ihnen besonders gefielen und warum, teilweise Texte nannten, die für sie beim Lesen besonders vergnüglich oder entspannend waren. Vergnügen und Entspannung werden also eher weniger erwartet, kommen aber gut an.

 

Aus welchen Gründen haben Texte den Studierenden außerdem besonders gut gefalllen?

In unserer Studie wurde häufig das Thema der Texte genannt. Zum Beispiel bei Kafkas Brief an den Vater der unüberwindbare Konflikt zwischen Vater und Sohn. Aber auch die Sprache sowie spannende Handlungen und Charaktere wurden als Gründe genannt.

 

Welche Lesestrategien lassen sich bei Studierenden beim Lesen häufig beobachten?

Insgesamt wendeten die Studierenden beim Lesen kanonischer Texte häufig Lesestrategien an (in 66 % aller Leseepisoden). Am häufigsten wurde in Texten angestrichen, Fragen wurden an einen Text formuliert und es wurde versucht, Muster zu finden. Eher selten wurde während der Leseepisode zum Text oder Autor recherchiert. Wenn man sich kombinierte Strategien anschaut, so wurden häufig Markierungen mit Notizen kombiniert sowie Fragen mit dem Finden von Mustern.

 

Manuel Knoos (Leibniz-Institut für Wissensmedien Tübingen)

Die Lesetagebuchstudie ist Teil des vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst geförderten Projekts ›Literatur digital lesen. Forschung in Aktion‹.

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