lesespuren in den autorenbibliotheken des deutschen literaturarchivs

Auf unserer Liste stehen 50 Texte, die in den zahlreichen Leselisten deutscher Universitäten am häufigsten genannt werden. Spielen diese Texte auch in den Autorenbibliotheken des Deutschen Literaturarchivs eine wichtige Rolle oder hast Du dort eher die Spuren antikanonischer Lektüren gefunden?

Kanonische Texte spielen in den Autorenbibliotheken tatsächlich eine große Rolle. Es scheint so etwas wie ein Kanonbewusstsein zu geben: Autorinnen und Autoren lesen sich – vor allem in jungen Jahren – wie Bücherwürmer durch die Texte, die zu ihrer Zeit als kanonisch gelten. Sehr wahrscheinlich schwingt dabei die Vorstellung mit, dass man von den ›Großen‹ das Handwerk lernen kann. Oft lesen Autorinnen und Autoren – auffallend ist das etwa bei Martin Heidegger – in jungen Jahren sehr gründlich aus vergleichsweise wohlfeilen oder billigen Büchern und legen sich dann im Alter die gleichen Texte in teuren Ausgaben zu, die oft aber kaum oder ungelesen ins Regal wandern. Autorinnen und Autoren lesen immer auch sehr selektiv. Sie lesen selten systematisch Kanon, sondern vor allem jene Texte, für die sie sich begeistern. Nicht-kanonische Texte nehmen in Autorenbibliotheken aber natürlich sehr viel Raum ein. Neuerscheinungen und Novitäten, gekoppelt mit Blicken auf anderssprachige Literaturen, spielen dabei eine große Rolle.

 

Welche Lesespuren sind Dir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben?

Seltsam angerührt war ich, als ich den sechsten Band von Friedrich Schillers Sämtlichen Werken aus der Bibliothek von Paul Celan in meinen Händen hielt. Ich öffnete das Buch und ließ die Blattkanten meinen Daumen entlang gleiten, da nahm ich das leise, aber scharfe und prickelnde Geräusch eines beschnittenen Buchblocks wahr, der noch nie geöffnet wurde. Man fühlt sich wie ertappt. So eine Geschichte erzählt ein Buch nur ein einziges Mal. Diese Wahrnehmung und dieses Geräusch sind unwiederholbar. Ich war der erste, der dieses Buch geöffnet hat. Weder Celan selbst noch eine andere Person hatten dieses Buch je geöffnet. In eindrücklicher Erinnerung ist mir auch die Bemerkung von Eduard Mörike in seiner intensiv benutzten und kommentierten Goethe-Ausgabe. Im ersten Band verfügt Mörike, dass diese Goethe-Ausgabe wegen der vielen persönlichen Bemerkungen seine Familie nicht verlassen soll. Daraus spricht das deutliche Bewusstsein Mörikes, dass Lesespuren Tagebuch- und Werkcharakter haben können.

 

Lassen sich Lesespuren systematisieren oder ist Lesen etwas, was so individuell unterschiedlich ist, dass es sich dieser Systematisierung entzieht?

Am Anfang habe ich versucht, Lesespuren zu systematisieren. Beispielsweise lassen sich Striche und Anstreichungen ordnen nach senkrechten, schrägen, waagrechten, einfachen, doppelten, dreifachen, dicken, dünnen, farbigen, grauen Linien und so weiter. Ex libris und Besitzvermerke lassen sich systematisieren nach gedruckten, eingeklebten, handschriftlichen, solchen mit und ohne Kauf- oder Lesedatum. Anmerkungen lassen sich systematisieren nach Verschlagwortungen, Kommentaren, Stellenindizes mit Seitenangaben oder rhizomatischen Eigentextgewächsen vorwiegend auf den hinteren Vorsatzblättern. Solche Systematisierungen würden aber positivistische Verzeichnisse ohne großen Erkenntnisgewinn bleiben, denn hinter Lesespuren verbergen sich Lese- und Schreibstrategien, die sich von Autorin zu Autor sehr stark unterscheiden. Zwar entziehen sich Lesespuren nicht gänzlich der Systematisierbarkeit, sinnvoll lesbar und deutbar werden sie aber erst aus dem Werk- und Arbeitszusammenhang einer einzelnen Autorin oder eines einzelnen Autors.

 

Die Lesespuren in den Marbacher Autorenbibliotheken sind ein Element in der Leseforscherapp, die aktuell im Rahmen des vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst geförderten Projekts ›Literatur digital lesen. Forschung in Aktion‹ mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien Tübingen entwickelt wird.

 

Beitragsbild: Lesespuren Martin Heideggers in seiner Hölderlin-Ausgabe.

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