außer der reihe 2: jorge luis borges

Unter all den erstaunlichen Fiktionen, die Borges vor uns ausgebreitet hat – und Fiktion war ihm fast alles –, ist die seines Lebens vielleicht die erstaunlichste, sicher aber die freundlichste. Am Anfang … doch was heißt Anfang bei einem Autor, dem die Zeit kreisförmig, das Dasein und die Literatur »Spiegel und Labyrinth« zugleich sind? Dass der am 24. August 1899 in Buenos Aires geborenen Sohn vermögender Eltern mit neun Jahren Oscar Wildes Glücklichen Prinzen druckreif ins Spanische übersetzt, ist jedenfalls bezeichnend. Wie Wildes trauriger Märchenheld lässt auch Borges sich später seine Geschichten oftmals zutragen, um sie dann zu den seinen zu machen. Sicher wie ein Hochseilartist bewegt er sich dabei zwischen Sprachen, Kulturen und Zeiten, aus denen seiner philosophischen Reflexionen (Geschichte der Ewigkeit, 1936) ebenso erwachsen wie die Figuren seiner Erzählungen – Weltliteratur auch dann, wenn sie mitunter scheinbar nur vom grausam-archaischen Leben der argentinischen Gauchos handeln.

 

Die englische Sprache und Literatur sind Borges »vom Blut geschenkt«, Vorfahren stammen aus Portugal und England. In Cambridge studiert der Schüler einer Genfer Privatschule Philosophie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik. Die »deutsche Sprache … Deutschlands / Größtes Werk« hat er sich »gewählt und gesucht, einsam. / In Nacht-wachen mit Grammatiken, / Im Dschungel der Deklinationen«.

 

Borges schrieb auch Gedichte, weltberühmt aber machten ihn seine Kurzgeschichten, die oft noch phantastischer sind als ihre Titel (Pierre Menard, Autor des Quijote). Stets nimmt der lakonische Tonfall gefangen, die unerbittlich-kluge Logik, mit der noch die unglaublichsten Dinge plausibel gemacht werden. Erfundene Zitate und Belege, manipulierte Gestalten und Geschichte(n), »Fußnoten zu imaginären Büchern« (U. Schulz-Buschhaus«) verhexen den Leser derart, dass ihm schließlich Borges’ Welt nicht bloß als eine mögliche, sondern als einzig mögliche erscheinen will. Man bangt mit dem Ich-Erzähler der Geschichte vom Sandbuch, dem seine kostbarste Erwerbung – ein Buch, das keinen Anfang und kein Ende hat und sich nie zweimal an derselben Stelle aufschlagen lässt – zum Alptraum wird. Schließlich lässt er es in einem verschwiegenen Winkel der Argentischen Nationalbibliothek verschwinden. Und damit verliert sich das Sandbuch (hoffentlich) an jenem Ort, der den Erzähler der Geschichte und den Erzähler des Erzählers verbindet. Wie jener arbeitete auch dieser in der bedeutendsten Bibliothek Argentiniens.

 

Am Ende … doch was heißt Ende. »Denn am Anfang der Literatur ist der Mythos, und ebenso am Ende.« Borges ist noch als Erblindender Direktor der Nationalbibliothek, schließlich ein vielfach ausgezeichneter und geehrter Greis. Wer ihn besucht, lernt ihn – wie Paul Theroux – als schüchternen und zugleich souveränen Seher kennen, blinden Auges noch immer ein Herr der Bibliothek von Babel (1944), schweifend von Thema zu Thema, voller Freude einem guten Vorleser lauschend. Borges starb am 14. Juni 1986 in Genf.

 

Borges Helden, die zu handeln glauben oder eine Welt erträumen, erfahren sich nicht selten und zu ihrem Entsetzen selbst als Erträumte, als Objekte eines anderen Subjekts. Schopenhauer und Nietzsche haben Borges Erzählkosmos gefärbt. Wem allerdings in der Kunst der »größte Trauerfall die Geistlosigkeit ist« (C. Panadero), dem muss bei Borges’ Büchern nicht bange sein. Wohl erwarten ihn rabenschwarze Welten, doch wird in ihnen ein Freudenfest intelligenter Schreibkunst gefeiert.

 

Dietmar Jaegle

 

Zum Beitragsbild: Borges, der sich selber Deutsch beigebracht hat, ist von expressionistischen Lyrikern wie August Stramm und Ernst Stadler begeistert. Auch den heute wenig bekannten Kurt Heynicke hat er ins Spanische übersetzt. An ihn schickt der 21-jährige Borges von Bord der Reina Victoria Eugenia, mit der die Familie von Barcelona aus zurück nach Buenos Aires reist, eine deutsche Fassung seines eigenen Gedichts Mañana: »eine sehr schlechte [Übersetzung], vielleicht, da ich die deutsche Grammatik nie recht gelernt habe.«

 

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