das archivparadoxon oder wie man disruptive energie archiviert

Als der Philosoph Wilhelm Dilthey im Jahr 1889 über die Errichtung eines Literaturarchivs nachdachte, gab es zwar einen Markt für Manuskripte, private Sammlungen und Bibliotheken, jedoch wenig mehr. Heute existiert ein ganzer Kosmos von Archiven. Jedes Archiv sucht dort seinen je spezifischen Ort. Den Ort und Auftrag des Deutschen Literaturarchivs Marbach hat sein Trägerverein, die Deutsche Schillergesellschaft, – mit Dilthey – formuliert: Im Zentrum des DLA steht das Sammeln, Erforschen und Vermitteln von Literatur. Der Literaturbegriff ist dabei – wiederum mit Dilthey – weit angelegt: Literatur meint solche Texte, die dafür gehalten werden – mitsamt ihrer Ausdrucksformen in Schrift, Bild, Bewegtbild und Ton. Auch Philosophie, die in der Öffentlichkeit und der Literatur wirkmächtig ist, sammelt das DLA, hierin wiederum Dilthey folgend. Es nimmt – über Dilthey hinausgehend – außerdem wissenschaftliche Vor- und Nachlässe, vor allem von Germanistinnen und Germanisten auf, um das Bild zu komplettieren.

 

Bei den Beständen des DLA handelt es sich nicht um eine abgeschlossene Sammlung; das DLA wächst potenziell unendlich bzw. solange es Literatur gibt. Das setzt eine besondere Dynamik frei, auch auf Seiten des Gegenstandes: Neue Literatur will sich in der Auseinandersetzung mit der etablierten bewähren, andere Schwerpunkte und Themen aufgreifen, kontroverse Fragen formulieren, anspruchsvolle ästhetische Formen finden, innovative Medien entdecken. Kurz: Literatur, die sich als solche ernst nimmt, ist potenziell disruptiv. Sie zerstört oder rekombiniert das Alte, um Neues zu schaffen. Archive hingegen zielen auf Gegenläufiges: darauf, disruptive Energie einzufangen, zu erfassen, abzulegen und in etablierte Ordnungssysteme einzupassen – ein Spannungsverhältnis, das sich nicht ohne Weiteres auflösen lässt, das wahrzunehmen jedoch für Bestandsgeber wie -nehmer ebenso wie für die Nutzerinnen und Nutzer von Archiven entscheidend ist, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. Das Format und die Rahmenbedingungen dieses Gesprächs möchte ich in acht Thesen skizzieren:

 

1
Von der Literatur zum literarischen Erbe.
Ein Archiv für Literatur ist mit besonderen Herausforderungen konfrontiert: In vielen Fällen ist erst zu bestimmen, was als kulturelles beziehungsweise literarisches Erbe gelten kann und also archiviert werden muss. Etwa fragt sich, welche Literatur der Gegenwart so dicht und eigen, so zeitgemäß und unzeitgemäß zugleich ist, dass sie auch künftig noch Geltung beanspruchen kann. Das Archivieren in die Zukunft setzt ein bewusstes und permanentes Arbeiten am Kanon ebenso voraus wie eine stetige Diskussion der Kriterien dessen, was es zu archivieren gilt – und was nicht.

 

2
Archivkraft im Literaturbetrieb. Ein derart anspruchsvolles Archiv muss den Puls der Literatur selbst aufnehmen, sich in den Austausch mit Autorinnen und Autoren begeben, Vertrauen aufbauen, sensibel auch auf Bedürfnisse ungewöhnlicher Talente reagieren. Diese wollen ihre Vor- und Nachlässe keiner anonymen Einrichtung übergeben. Vielmehr zählt das Wissen darum, dass das eigene Werk lebendig gehalten wird, auch nach dem Tod. Ein Literaturarchiv ist schon deshalb nicht nur eine Institution für die Nachwelt, sondern durch seine Sammlungs-, Einladungs- und Veranstaltungspolitik auch eine wirkmächtige Kraft im Literaturbetrieb. Sein Urteil, sein Werben oder seine Ablehnung zählen schon zu Lebzeiten. Archive schaffen Bindungen; sie motivieren oder kränken, rufen Emotionen hervor. Die Einstellung zum Archiv prägt Autoren – mitunter so stark, dass mancher ganz wesentlich auch für sein Archiv schreibt.

 

3
Legitimität durch Reflexion. Zugleich muss ein in die Zukunft sammelndes Literaturarchiv selbst befähigt sein, aus entsprechender Fach- und Sachkenntnis wie aus aktiver Forschung zu begründen, warum es bestimmten Texten und literarischen Medien, literarischen wie wissenschaftlichen oder publizistischen, besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt und seinen Bestand in das Archiv aufnimmt. Das Reflektieren der eigenen Kriterien, die Verbindungen in die publizistische und akademische Welt, die Möglichkeit zu einer auch wissenschaftlich tragfähigen Äußerung darüber sind unverzichtbar, um nachvollziehbare, legitime und legitimierbare Entscheidungen zu treffen und sie zu vertreten.

 

4

Offener Literaturbegriff. Dabei muss ein Literaturarchiv seinen Literaturbegriff selbst offen halten, um die disruptive Qualität neuer Literaturformen angemessen würdigen zu können. Denn was für Literatur gehalten wird, hat sich, wie schon Dilthey wusste, über die Jahrhunderte vielfach geändert: Die Antike etwa hatte zwar einen Begriff von einer Ode, nicht jedoch von Lyrik. Umgekehrt ist heute fast vergessen, was genau eine Ode ausmacht. Demgegenüber kennen wir Emanationsformen von Literatur, die aus dem Programmieren von Texten, als Variante des Computerspiels oder durch eine Künstliche Intelligenz entstehen. Ein stabiler Kanon, der Gattungen und Ausdrucksformen von Literatur eindeutig festlegte, wäre also kontraproduktiv.

 

5
Archiv unter Archiven. Ein Literaturarchiv wird Schwerpunkte setzen müssen: Das DLA Marbach kennt zwei große Gründungsgeschichten. Ursprünglich entstand es als Museum aus dem Schiller-Kult eines Vereins, der sich zunehmend auch für andere Autoren der Region begeisterte. 1955/56 wurde das Schiller-Museum als Deutsches Literaturarchiv Marbach neu gegründet: als Literaturarchiv Westdeutschlands, das sich in besonderer Weise um die versprengte Exilliteratur und die Literatur der Moderne bemühte. Seitdem bewährt es sich als ein Archiv im Netzwerk der Archive in Deutschland, Europa und weltweit. Das Bestimmen seiner eigenen Lage auf der Landkarte komplementärer Einrichtungen zählt zu den bewährten Praktiken der Selbstversicherung.

 

6

Literarische Denkfabrik. Ein Literaturarchiv wie das DLA Marbach ist ein Archiv der literaturpolitischen Zeitläufte, aber kein politisches Archiv. Es begründet seine Existenz aus einem großen Versprechen der Aufklärung, nämlich: unparteilich zu sein. Es sammelt ohne Rücksicht auf Nationalität, Geschlecht oder Meinung, achtet aber umso mehr auf die Repräsentanz des literarisch und intellektuell Bedeutsamen im Archiv, sofern es deutschsprachig, in Deutschland oder in Auseinandersetzung mit deutscher oder deutschsprachiger Kultur entstanden ist. Auf diese Weise schärft es die Urteilskraft seiner Besucher und Nutzer nicht nur, sondern fordert zugleich idiosynkratische und ideologische Blicke auf die Literatur und das öffentlich wirksame Denken heraus. Ein solches Archiv ist eine literarische Denkfabrik für alle; es muss schon deshalb Spannungen aushalten und diplomatisch auf vermintem Terrain manövrieren können.

 

7

Literaturdatenzentrum. Auch die neueste Literatur, solche also, die sich in den Sozialen Medien, im Netz, als Storytelling-Experiment oder dergleichen entwickelt, bedarf der Repräsentation im Archiv. Ein traditionelles Archiv kommt dabei an seine Grenzen – kognitiv, technisch und rechtlich. Die schnell produzierten Daten wollen angemessen interpretiert und erschlossen, für lange Zeit archiviert und rechtssicher zugänglich gemacht sein. Auf diese Weise wird das Archiv zu einem Literaturdatenzentrum. Damit eröffnen sich große Chancen für Kombinationen von Erschließung und Erforschung. Sie werden möglich, wenn Texte, Born-digital-Texte ebenso wie retrodigitalisierte Texte, digital durchsuchbar sind und etwa im Hinblick auf ihre Semantiken und Strukturen analysiert und verzeichnet werden können. Doch kann die Maschine so etwas nicht allein leisten: Die digitale Hermeneutik der Archive setzt das umsichtige Zusammenarbeiten von Mensch, Hard- und Software voraus.

 

8

Das Analoge des Digitalen. Zugleich entpuppt sich auch Digitales als Analoges. Denkfiguren wie diejenigen von der Überholung des Alten durch Neues sind ihrerseits antiquiert. Nichts ist so alt wie ein zehnjähriger Computer oder eine fünfjährige Software; sie altern ihrerseits zu Archivgegenständen – mit erheblichen Anforderungen, was den Transfer der auf ihnen erzeugten Daten betrifft. Umgekehrt wächst mit der Omnipräsenz des Digitalen im Berufs- und Alltagsleben die auratische Bedeutung des Handschriftlichen, der Originalaufnahmen, der Bilder und Objekte, die sich anfassen, die sich hören und die sich in ihrer Räumlichkeit bestaunen lassen – selbst, wenn sie aus dem 3D-Drucker stammen.

Disruption braucht ihr Gegenteil, um als solche gelten zu können: das Tradierte, Etablierte, Kanonische, an dem es sich abarbeiten kann. Indem das Neue sich als solches beweist, erobert es seinen Platz im Archiv und schafft sich die Möglichkeit, selbst als in Würde Gealtertes gelten zu können. Auf dem Weg ins Archiv stößt das Neue aber zugleich seinen eigenen Alterungsprozess an, den es kaum je antizipieren wollte. Es ruft eine neue Generation der Erneuerer auf den Plan. Dieser ambivalente Prozess lässt sich am besten als Archivparadoxon beschreiben. Es erlaubt, dass die unterschiedlichen literarischen Zeit- und Materialschichten im Archiv, die Generationen von Autoren mit ihren Zu- und Abneigungen, Vorbildern und Gegnern es in grünen Archivboxen oder digitalen Speichern nebeneinander aushalten.

 

Sandra Richter

 

Das Programm der virtuellen Konferenz #LiteraturarchivDerZukunft finden Sie unter https://www.dla-marbach.de/forschung/tagungen/

 

Beitragsbild: Wer plant, braucht Pläne: Wolf von Niebelschütz hat das Manuskript zu seinem Roman Die Kinder der Finsternis zum Folianten binden lassen – zusammen mit Plänen des Erzählverlaufs. Das Manuskript ist in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne zu sehen.

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