sichtbar machen, was unsichtbar ist. eine bindungsfrage

Die beiden letzten Halbjahresprogramme des DLA sind aus Umfangsgründen nicht geklammert, sondern fadengeheftet. Allerdings ohne überklebtem Rücken. Die offenliegende Fadenheftung bei Büchern und Broschüren macht sichtbar, was in der Regel unsichtbar ist: die gefalzten Papierbögen und die Flattermarken und damit die Binde-Konstruktion.

 

Gebundene Bücher begrenzen den Fluss der Texte, geben dem Autor einen Körper und dem Werk ein Gesicht. Sie stabilisieren und sind doch selbst beweglich: tragbar und kopierbar, unterschiedlich in Größe und Gewicht. Ihre Identität definiert sich juristisch: Das Buch und Seiten, der Autor und sein Text, die Druckerei und der Verlag sind seit Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend eine Rechtseinheit geworden, deren Auflösung als Verstoß gegen das Urheberrecht geahndet wird.

 

Zur selben Zeit jedoch, in der die Autoren die Herrschaft über ihr Werk durchsetzen, träumen sie als Leser auch von dessen Zerstörung, Auflösung und Verkleinerung. Goethe soll einen ihm suspekten Roman an eine Eiche genagelt und Klopstocks spätere Ehefrau Meta den Messias – das große Epos Ihres Mannes – bei ihrer Freundin in Streifen zerschnitten gefunden haben, um damit Locken ins Haar zu drehen. Für Schillers Räuber Karl Moor sind Bücher vogelfrei und in ihre Einzelteile zerlegt dann auch als Einschlagpapier für Nürnberger Lebkuchen weiterverwendbar. Lichtenberg notiert in eines seiner Sudelbücher: »Schreibt man denn Bücher bloß zum Lesen? oder nicht auch zum Unterlegen in die Haushaltung?«

 

Louis-Sebastién Mercier feiert 1781 die Subversion des Buchs in seinen Tableaux de Paris: »Benutzt, beschmutzt, eingerissen – Bücher in diesem Zustand zeigen, dass sie die besten von allen sind. Es gibt Werke, die eine solche Unruhe hervorrufen, dass der Buchverleiher den Band in drei Teile zerschneiden muss, um so das dringende Bedürfnis der zahlreichen Leser bedienen zu können.«

 

Die damals verbreitete Publikationsform der Bücher unterstützt diese Verzettelungserscheinungen. Bücher werden nicht mit einem festen Einband als Ganzes ausgeliefert. Sie erreichen ihre Leser broschiert – mit einer lockeren Fadenheftung, ab und zu mit einer Einbanddecke aus Papier, oft auch ganz ohne, und nicht selten über einen Zeitraum von Jahren hinweg verteilt. Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre wird im Abstand von zwei Jahren in zwei Teilen ausgeliefert, ebenso Friedrich Hölderlins Hyperion. Das heißt zum einen: Wer anfängt zu lesen, der kann – anders als wir heute – nicht gleich auch nach hinten blättern und den letzten Satz des Romans lesen. Er hat nicht Anfang, Mitte und Ende eines Werks in der Hand, sondern eben nur ein Stück. Zum anderen: Diese Teillieferungen können erst im Nachhinein von ihren Besitzern zu einem vollständigen Buch gebunden werden. Das ist der Grund, dass die Bücher alter Bibliotheken oft so einheitlich erscheinen.

 

Die beiden schönsten Beispiele im Deutschen Literaturarchiv Marbach für eine solche private Bindung durch den Besitzer sind das Stammbuch von Achim von Arnim und das Exemplar des Hyperion, das Hölderlin Susette Gontard schenkte. Achim von Arnim hat sich von einem Buchbinder ein historisches Stammbuch von 1583 auseinandernehmen, weiße Blätter ›einschießen‹ und dann neu in rotes Leder binden lassen, sodass er einen nahezu würfelförmige Buchblock besaß – neun Zentimeter hoch, mit 364 Blatt, auf die er dann 30 Jahre lang in bunter chronologischer Reihe zahlreiche, auf Maß geschnittene Widmungsblätter, Briefstücke, Zeichnungen, populäre Kunstdrucke, Radierungen und Kupferstiche geklebt hat. Ein in die ausgebauten Falten eines einziges Buchs gepacktes Universum seines Lebens, seiner Freunde und seiner Kunsterfahrung: Autographen von den Brüdern Grimm und den Geschwistern Brentano, Eichendorff, Tieck, Goethe und Kleist, und Bilder aus der Dürerzeit, von Rembrandt, Runge und Chodowiecki. Alles, »was war, was wird, was lebet«, so hat es Arnim im Buchdeckel hinten selbst vermerkt.

Hölderlin hat die beiden im Abstand von zwei Jahren erschienen Bände des Hyperion für seine ›Diotima‹ Susette Gontard 1799 zusammenbinden lassen, ausgewählte Sätze unterstrichen und zwei Widmungen hineingeschrieben. Die erste, vordere, sofort sichtbare lädt zum ästhetischen Spurensuchen ein: »Der Einfluss edler Naturen ist dem Künstler so nothwendig, wie das Tagslicht der Pflanze, und so wie das Tagslicht der Pflanze sich wieder findet, nicht wie es selbst ist, sondern nur im bunten irdischen Spiele der Farben, so finden edle Naturen nicht sich selbst, aber zerstreute Spuren ihrer Vortrefflichkeit in den mannigfaltigen Anstalten und Spielen des Künstlers. Der Verfasser«. Die zweite ist in der Mitte, zwischen den beiden Bänden versteckt: »Wem sonst als Dir«.

Goethe hat 1826 mit seinem Verleger Johann Friedrich Cotta für die 40 Bände seiner Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand auch Fragen des Formats, der Papierqualität und der Typografie verhandelt und legte zwei unterschiedliche Buch-Formate fest: eine größere, schwere im Oktavformat und eine um rund vier Zentimeter kleinere Taschenausgabe – von dieser gibt es im Deutschen Literaturarchiv noch ein broschiertes, ungebundenes Exemplar, bei dem die Fadenheftung sichtbar ist.

Mitglieder der Deutschen Schillergesellschaft erhalten die Programmhefte des Deutschen Literaturarchivs kostenlos zugeschickt. Auch ein Marbacher Magazin ist zu den Blatt-, Bindungs- und Bewegungsgeschichten der Bücher aus unserer Sammlung erschienen: Das bewegte Buch. Sie können es hier in unserm Shop erwerben.

 

Heike Gfrereis

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