littera – der buchstabe; viele buchstaben – literatur!

Auf jeden Fall: Einmal muss das, was Literatur werden und sein soll, auf Stein, auf Schiefer, Pergament, Papier geschrieben, muss Schrift-Bild geworden sein, so wie ja auch das Gesicht einer wirklichen Person nie ein Kunstwerk wäre, wenn der Maler nicht Farbe nähme und mit ihr das Antlitz auf die Leinwand auftrüge.

 

Das Zerlegen der Wörter in Buchstaben und ihre erneute Vereinigung auf dem Schreibmaterial macht das Gesagte wiederholbar und erfüllt so die Sehnsucht, die jede Kunst zu stillen sucht, die nach Dauer, gar nach Ewigkeit. Ein Gedicht, das ich mit zwanzig Jahren gelesen habe, kann ich mit achtzig wieder lesen, die Worte, die meine Freundin mir damals sagte, und andere, die sie vielleicht heute noch sagt, sind verloren. Die Niederschrift des Wortes macht es zwar nicht ewig, aber sie erweckt den Glauben, dass es ewig sei. Je höher die Qualität einer Literatur eingeschätzt wird, desto stärker ist der Glaube an ihre ewige Gültigkeit. Literatur ist ein trügerisches Mittel gegen die Vergänglichkeit – und damit bleibt sie allezeit der Religion verwandt.

 

Es braucht allerdings, da nun einmal die Worte auf Papier und auf Dauer festgehalten sind, zur Wahrnehmung dessen, was Literatur sagt und meint, immer das Auge. Man kann Literatur vorlesen, der Schauspieler kann sie vortragen, aber ehe dies geschieht, muss ein Auge gewesen sein, das sie gelesen und verstanden hat. So wenig wie man, trotzt Auto und Rollstuhl, die Fortbewegung von der Ausstattung des Menschen mit Beinen ablösen kann, so wenig die Literatur vom Auge, das liest.

 

Aber so wie das Notat der schönen Worte nur eine Technik ihrer Verewigung auf Stein oder Papier ist, so dient auch das Auge nur als technisches Hilfsmittel, um das Buchstabengitter, das nun das Papier überzieht und zum Text sich sammelt, wieder in Bild, in Sinn, Gefühl und Erlebnis zurückzuholen. Von der Literatur geht der Appell aus, mir eine Wirklichkeit, eine Welt vorzustellen, die bislang mir unbekannt war. Die Wörter, die gedruckt stehen, müssen durch Verstand und Phantasie in Sinn und Bild zurückverwandelt werden.

 

So ist denn jeder Leser auch Dichter, und ohne seine Lese-Arbeit wäre der Dichter verloren. Die Mitarbeit des Lesers bei der Erschaffung des Werkes ist die wichtigste Bedingung für die Existenz von Literatur und ein eigentümliches Merkmal der Sprachkunst, das sie von anderen Kunstarten unterscheidet. Ein Mädchenkopf, schön gemalt, bleibt immer der, der da schon seit langem hängt und von vielen gesehen wurde. Der Mädchenkopf Gretchens oder der Effi Briests erstehen in jedem Leserhirn in anderer Gestalt.

 

Nun könnte man sagen, auch der Befehl, der geschrieben steht, bedarf der Mitarbeit des Gehorchenden, damit er gilt. Durch diesen Gehorsam wird die Welt verändert, das Gebot wird Wirklichkeit durch seine Erfüllung und macht sich somit überflüssig. Die Literatur hingegen enthält keinen Appell – auch wenn sich die Interpretation des literarischen Werkes, vor allem die politische, redlich bemüht, die Literatur zur Vorgabe, ja gar zur Vorschrift für den Leser zu machen. Die Literatur ist eine Erregung, eine Verführung, keine Verpflichtung. Die Literatur leitet nicht zum Handeln an, sondern nur zur Einkehr und zur Rückkehr in ein Werk, das auch dann ganz für sich selbst fortbesteht, wenn der Leser, dieser Gast, wieder geht.

 

Hannelore Schlaffer

 

Dieser Text entstand für das Marbacher Halbjahresprogramm 1/2021, das es auch online gibt: https://www.yumpu.com/de/document/read/65130125/programmheft-des-deutschen-literaturarchivs-marbach-1-2021

 

Für unser Forschungsprojekt ›Literatur digital lesen‹ hat Hannelore Schlaffer Leseszenen von Luise Duttenhofer kommentiert, die im Literaturmuseum der Moderne ausgestellt sind: www.dla-marbach.de/museen/blaetterbuecher-zu-denausstellungen/

 

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