luise duttenhofer. die frau mit der schere

»Den König erkennt man an Zepter und Krone, den Aristokraten an Wappen und Pferd – den Bürger erkennt man am Buch. Er herrscht nicht, er bildet sich, befiehlt nicht, sondern denkt nach. Nur allzu leicht verführt den Bürger seine Bildung zur Eitelkeit, und so verlachen denn fast alle Scherenschnitte der Luise Duttenhofer die Hochnäsigkeit dieser aufstrebenden Klasse von Bildungsbürgern. Auch ihre Leser haben einen Thron, wenn es auch nur ein Wohnzimmersessel oder der Schreibtischstuhl ist. Auch sie schreiten dahin wie Schiller, ein Priester auf dem Weg in den Orkus, der das ›Heilige Buch‹ verwaltet und damit den eigenen Nachruhm.

 

Ängstlich sehen diese Priester des Geistes dennoch aus, sie scheinen sich geradezu ans Buch zu klammern. Bei ihrem ›höheren Streben‹ spielt ihnen die Natur ein Schnippchen, denn der Leser ist meist kurzsichtig und die Brille in jener Zeit noch eine Rarität. Schelmisch freilich geht Luise Duttenhofer auch mit den Requisiten des bürgerlichen Bildungseifers um: Den Büchern hängt sie gerade die Schwänzchen an, die auch die ›ungebildeten‹ Hundchen haben, die hinter den Geistesheroen herwedeln.

 

Auch Frauen finden sich unter den Lesern, und sie ziehen nicht den Spott der Scherenschneiderin auf sich, sondern damals und noch lange Zeit darüber hinaus den der Männer. Die ›Femme savante‹ zwar war eine verehrte Gestalt der aristokratischen Gesellschaft; das Bürgertum hingegen musste erst lernen, an die Bildungsfähigkeit der Frau zu glauben. Wenn also Luise Duttenhofer einer lesenden Dame den Helm der Minerva, der Göttin der Weisheit, aufsetzt, spottet sie nicht nur über diese, sie spottet auch über den Spott der Männer.

 

Der Humor der Luise Duttenhofer ist zu intelligent, als dass er gemütlich wäre. Der Spott öffnet ihr die Augen für die dominierenden Phänomene der bürgerlichen Kultur. Sie erkennt die Gesten, die Reliquien, die sie tragen und zeigt, dass Lesen von Buchstaben nur die Voraussetzung ist für das Lesen der Welt.«   Hannelore Schlaffer

 

Da ihr die Familie eine Ausbildung an einer Akademie verwehrte, griff Luise Duttenhofer zu Papier und Schere und damit zu jenen Werkzeugen, die man damals Frauen zur Freizeitgestaltung zugestand. Lange Zeit lebte sie in der Stuttgarter ›Reichen Vorstadt‹ (der Gegend um Hospitalhof und Liederhalle) und porträtierte dort zahlreiche prominente Stuttgarter und deren Gäste. Über 1.200 Scherenschnitte haben sich erhalten, viele davon nur postkartengroß, weil sie von ihr mehr als persönliches Geschenk denn als Kunstwerk gedacht waren.

 

Die Scherenschnitte aus der Ausstellung können Sie hier durchblättern. 

https://www.flipsnack.com/8EB9BB99E8C/duttenhofer-karten-rly-1.html

 

Beitragsbild: Friedrich Schiller, lesend. Scherenschnitt von Luise  Duttenhofer.

 

 

 

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