seelen-liebling. enzensbergers ›museum der modernen poesie‹

1960 erschien im Suhrkamp Verlag ein Buch, das diese Wahlverwandtschaft von Lyrik und Ausstellung schon im Titel trägt: Hans Magnus Enzensbergers Museum der modernen Poesie. Der stattliche Band, glücklicherweise immer noch lieferbar, gibt dem deutschen Publikum 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Möglichkeit einzutauchen in die unglaubliche Stimmenvielfalt der internationalen Lyrik vor, während und nach dem Dritten Reich. Auf 424 Seiten werden insgesamt 96 Autoren aus mehr als 20 Ländern und nahezu allen bedeutenden Sprachräumen präsentiert. Fremdsprachige Texte werden im Original und in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Weder Autoren-Alphabet, Geburtsjahrgänge noch Nationen bestimmen die Anordnung: Vielmehr schafft Enzensberger Motti für zehn Abteilungen, Kapitel, Buch-Räume: Augenblicke – Ortschaften – Meere – Gräber – Hochzeiten – Klagen – Panoptikum – Figuren – Meditationen – Zeitläufte.

 

Der Blick in die Vitrine der Dauerausstellung ›Die Seele‹ zeigt, dass Enzensberger die Anordnung seines Museums wohl buchstäblich im Raum durchgespielt hat. Die Fahne mit den gesetzten Texten ist so zerschnitten bzw. zusammengeklammert, dass jedes einzelne Gedicht zum frei beweglichen Exponat wird. Der Herausgeber richtet sein Museum der modernen Poesie ein wie ein Ausstellungsmacher, er nimmt die Dinge in die Hand und legt sie in begriffene und begreifliche Zusammenhänge.

 

Dietmar Jaegle

 

Beitragsbild: Blick in die Vitrine im LiMo: Enzensberger Gedicht-Anthologie ›Museum der modernen Poesie‹ unterwegs zu ihrer endgültigen Anordnung.

 

 

 

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