von winnetou zu mohn und gedächtnis

Erinnern Sie sich, wann und wie Sie das erste Mal ein Gedicht von Paul Celan gelesen haben?

Da war ich noch Schüler im oberbayrischen Bad Aibling, es muss in der 11. oder 12. Klasse gewesen sein, in jener Zeit, als ich selbst anfing, Gedichte zu schreiben. Ich glaube, das erste Celan-Gedicht, das ich las, war die Todesfuge. Vermutlich im Rahmen des Schulunterrichts. Und mein erstes Buch von ihm war Mohn und Gedächtnis. Mein alter Band ist leider bei meinen vielen Umzügen verloren gegangen.

 

Hatten Sie damals schon, bei der ersten Lektüre, das Gefühl, etwas Besonderes zu lesen? Oder war Paul Celan für Sie erst einmal nur ein Dichter unter vielen – so wie Ingeborg Bachmann oder Günter Eich?

Nein, da las ich in der Tat etwas Anderes. In den folgenden Jahren hat mich Celan dann immer mehr beschäftigt. Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Das wird Sie vielleicht wundern, aber ich glaube, es hat viel mit meiner eigenen Geschichte und meiner Zeit in Teheran zu tun: Geboren wurde ich in Prag, aber die ersten Jahre verbrachte ich in Deutschland. Zwischen meinem vierten und dem 16. Lebensjahr habe ich im Iran gelebt. Bis zur 10. Klasse ging ich in Teheran auf eine deutsche Schule. Eines Tages, ich war neun Jahre alt, sagte mein Vater: »Komm, wir besuchen jetzt einen besonderen Ort, und ich werde dir dort Bücher kaufen.« Er fuhr mit mir zu einer deutschen Buchhandlung im Herzen von Teheran, geführt von einer älteren, sehr freundlichen Dame. Ihr stiller Laden bestand aus einem einzigen Raum im Souterrain, einige Regale voller Bücher, andere mit großen Lücken. Dort kaufte mir mein Vater auf ihre Empfehlung hin die ersten zwei Winnetou-Bücher.

 

Von Karl May zu Paul Celan?

Ich erzähle das aus einem ganz bestimmten Grund. Mit neun Jahren war mein Deutsch noch etwas porös und brüchig, es musste sich erst neu konsolidieren, und dies geschah mit Hilfe von Winnetou I – indem ich mich durch die ersten Seiten des dicken, grünen Buchs kämpfte. Ich hatte damals eine große Sehnsucht nach der deutschen Sprache: Sehnsucht nach der Muttersprache, also nach der Mutter und ihrer Sprache, denn meine Eltern hatten sich getrennt. Diese Sehnsucht schürten und linderten die Karl-May-Bücher, insbesondere solche wie Wurzelsepp oder Aus dunklem Tann. Ja, diese ganz anderen Karl-May-Bücher waren für mich noch viel interessanter, weil sie beispielsweise im Erzgebirge, dieser typisch deutschen Landschaft spielen. Sie setzten auf wohltuende, besänftigende Art die Fiktion der Getrenntheit. – Als ich nach Deutschland zurückkam, gehörten zu meinen ersten Lyrik-Lektüren Brecht und Heine. Dann Rilke, Rimbaud, und schließlich Celan, und bei seinen Gedichten hatte ich plötzlich das Gefühl, mich an etwas nicht ganz zur Sprache Durchdringendes erinnern zu können: Ich berührte, spürte in und zwischen den Wörtern das, wonach ich mich als lesendes Kind in Persien über den Karl-May-Büchern, im lange nachwirkenden Papiergeruch in der trockenen Luft, gesehnt hatte. So etwas ist nicht leicht beschreibbar.

 

Versuchen Sie es bitte trotzdem.

Plötzlich schien in dieser Sprache der Sehnsuchtsort auf, der mich letztlich zum Schreiben brachte und auf eigentümliche Weise inspirierte und beruhigte, auch die Angst vorm Sprechen und Formulieren nahm. Denn ich habe mich damals im Deutschen nicht wie selbstverständlich bewegt – und ich würde fast sagen, bis heute gibt es Momente, in welchen das Verbindungsgefühl zum deutschen Sprachraum abzureißen scheint. Plötzlich ist etwas ganz und gar nicht selbstverständlich in dieser Sprache verankert. Trotz hoher Intensität und Verkopplung mit Gedächtnis, Intuition und Affekten, auch jetzt, wenn ich mit Ihnen spreche.

 

Glauben Sie, dass das Celan ähnlich ergangen ist? Er wuchs ja auch mit mehreren Sprachen auf.

Ja – bei ihm spüre ich immer diese Beunruhigung und dieses Sprechen ins Offene hinein, gerade das hat mir damals irgendwie Mut gemacht, selbst zu dichten und zu schreiben – aber nicht im epigonalen Sinn, nicht dass ich versucht hätte, Celans Ton nachzuahmen. Er hat mir eher Zutrauen gegeben: das Gefühl, etwas wagen zu können.

 

War das für Sie auch ein Aufbruch ins Mehrdeutige, in das, was nicht eindimensional zu verstehen ist? Ist es das, was Sie mit Sprechen ins Offene meinen?

Einerseits ins Mehrdeutige. Andrerseits dreht es sich darum, ein Ich erst im Prozess des Schreibens entstehen, Form annehmen oder erahnbar werden zu lassen – so ähnlich hat es Celan einmal beschrieben. Das ist für mich bis heute ein wichtiges Moment. Oder anders gesagt: Ich hatte das Gefühl, dass es mir mit Hilfe von Celan weitaus leichter fiel, in der deutschen Sprache zu sein, als mit anderen Autoren, die mich eher verschreckt haben.

 

Was hat Sie verschreckt?

Ihre Sprache schien mir fern, manchmal zu monolithisch aufragend, am Ende unerreichbar. Es fehlte mir ein sicheres Gefühl von Zugehörigkeit oder möglicher Identifikation, wenn ich sie las. Das fiel mir bei Celan wesentlich leichter. Bei ihm verwob sich Ferne mit zunehmender Nähe.

 

Hat für Sie dabei auch das Politische eine Rolle gespielt? Also der Bezug auf Auschwitz, der für Celans Dichtung essenziell ist. Oder war dies für Sie anfangs gar nicht so wichtig?

Die Shoah im engeren Sinn stand für mich damals nicht im Vordergrund. Es war eher das Moment des Verlustes – und des Erinnerns an die Mutter. Das hat wiederum viel mit meiner eigenen Mutter zu tun. Meine Mutter war in gewisser Hinsicht ein Opfer des Stalinismus: Als junge Frau war sie einige Jahre im Prager Militärgefängnis inhaftiert, und letztlich ist sie als schwer gezeichneter Mensch aus dieser Haft entlassen worden. Sie konnte sich zunächst nicht einmal an ihren eigenen Namen erinnern. Diese brüchige Lebenskraft kam trotz hoher sinnlicher Wärme in ihrer Sprache zum Ausdruck. So habe ich von ihr als erstes dieses sich immer wieder leicht entrückte, eher weiche Deutsch gelernt. – Und dann kam die Entfernung zu ihr. Ich bin ja mit meinem Vater nach Persien gezogen – gleichzeitig blieb ich meiner Mutter verbunden, auch dem besonderen, selbstvergessenen Klang ihres Sprechens, mit einem leichten tschechischen Akzent und einem gewissen Zittern in der Stimme. Diese Zittrigkeit, diese subtile, latente Anwesenheit des Erlebten, des Gebrochenen, ich würde sagen, das war etwas, das für mich persönlich ein Berührungsmoment geschaffen hat mit Celans Sprache.

 

Die meisten, die Celans erstes Buch Mohn und Gedächtnis lesen, das auch die berühmte Todesfuge enthält, achten auf das Politische, dann auf den besonderen Klang, den Sound dieser Verse, dann auch auf die Liebesgedichte, die legendäre Affäre mit Ingeborg Bachmann im Hinterkopf – doch viel präsenter ist in dem Buch, wenn man genauer schaut, der Verlust der Mutter. Dieser Verlust ist sozusagen grundlegend. Wahrscheinlich haben Sie dies viel stärker gespürt als die meisten Leser.

Vermutlich war das wirklich so. Wenn man das psychoanalytisch ausdrücken wollte: auch der Verlust der Umgebungs-Mutter, die Erfahrung, im deutschen Sprachraum nicht endgültig ankommen zu können. Ich denke dabei an den Psychoanalytiker Donald Winnicott: dass die Einheit nicht das Individuum ist, also der Schwerpunkt des Seins nicht im Individuum liegt. Celan wurde angefeindet, aber er hatte auch etwas Paranoides, sein Leben lang. Vielleicht als abgewehrte Angst vor dem Zusammenbruch. Wenn ich seine Gedichte lese, dann spüre ich dieses drohende Hintergrundrauschen sehr stark. Und ich spüre auf der anderen Seite auch eine existenzielle Notwendigkeit, ein immenses Vertrauen in Sprache per se, das diese Gedichte trägt. Den Sog einer Berufung.

 

Glauben Sie, dass Sie Celans Gedichte heute grundsätzlich anders lesen als vor 30 oder 40 Jahren? Interessieren Sie heute andere Dinge an ihnen?

Nicht unbedingt. Wie die meisten habe ich manchmal gedacht, Celans frühe Gedichte, gerade jene aus Mohn und Gedächtnis, gehörten zu seinen verständlicheren. Doch das ist auch nur eine vermeintliche Verständlichkeit, und auf Verständlichkeit kommt es mir nicht unbedingt an, wenn ich Celan lese. Mich interessiert eher das Wurzelwerk, der Subtext, der in sie hineingewoben ist. Auf diese Weise war Celan für mich nie hermetisch, auch nicht in seinen späten Gedichten. Ich empfinde ihn nicht als hermetisch. Es gibt bei ihm dieses Herantasten an den Saum des Verstehens, dieses Ausloten von Rändern, wieder und wieder, diese Bewegungen an jener dünnen Linie, an der das Verstehen gerade beginnen könnte. Und das ist etwas, was ich schon bei meiner ersten Lektüre gespürt habe. Ich lese diese Gedichte immer wieder, und oft ist es wie eine Art Heimkehr, ein Heimkehr-Moment. Für mich habe ich das einmal als Ausschauhalten nach mir selbst beschrieben: Ich halte Ausschau nach mir, und sehe, bis wohin ich mich sozusagen vorausschicken kann. Und irgendwo dort, ganz am Rand, erlebe ich etwas wie Heimkehr. Am Saum. Und das berührt völlig unsentimental auch die Kindheit und Karl May, diese Winnetou- und Wurzelsepp-Geschichten, die ich in Teheran gelesen habe, in dieser dauerdröhnenden Millionenmetropole. Die dünnen Seiten der Karl-May-Bücher in der staubigen Luft, das Knisterrascheln des rasch vergilbten Papiers in der betäubenden Nachmittagshitze – das sind diese Linien, die sich fortsetzen bis zu den offenen Enden im Freien, weit draußen. Das ist eine der scheinbar leisen Maßlosigkeiten, die mich beim Schreiben immer wieder antreiben. Und wenn ich Celan lese, erlebe ich tatsächlich etwas Ähnliches.

 

Gibt es andere Dichter, mit denen es Ihnen genauso geht, die Sie so ähnlich erwischt oder abgeholt haben?

Hölderlin auf jeden Fall, wobei ich zugeben muss, dass ich nicht genau weiß, warum. Ich könnte versuchen, es zu verstehen, werde aber wohl wissend nie an wesentliche Punkte kommen. So wie auch bei Celan. Glücklicherweise nähert und entzieht es sich wie asymptotisch. Man kann nichts festklopfen und raunen: Das ist es jetzt. Es ist eher eine Form des existenziellen, retardierten Erwischt-Werdens, auf verschiedenen Ebenen, das reicht von der fiktionalen Selbstdeutung bis ins Implizite. Es gibt für mich nur wenige Dichter, die so etwas bewirken können. Trakl würde ich noch nennen wollen. Etwas Ähnliches habe ich beispielsweise auch bei Paul Éluard erlebt, bei Bashô oder bei Andrea Zanzotto.

 

Und Peter Huchel? 2018 wurden Sie für Ihren Band Wolkenflug spielt Zerreißprobe mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet, der vom SWR und dem Land Baden-Württemberg verliehen wird.

Nun, zwischen Huchel und Celan liegen für mich Welten. Von Huchelgibt es einige Gedichte, die ich sehr mag und die ich für mich wiederentdeckt habe, als ich mich durch den Preis neu mit ihm beschäftigte. Aber bei Huchel – ich muss jetzt aufpassen, dass das nicht missverständlich klingt, denn ich meine das in keinster Weise abwertend oder stigmatisierend –, bei Huchel begegne ich doch immer wieder einer sehr deutschen Dichtung. Vielleicht berührt sie Punkte, zu denen ich mich nicht auf Distanz halten sollte.

 

Gibt es eine Frage, die Sie Paul Celan gern gestellt hätten, wenn Sie ihn hätten treffen können?

Ein gemeinsames, mit vielen Fragen verknüpftes Thema hätte vielleicht der Prozess des Denkens und Dichtens im Zwischen sein können, dort, wo ein Ich stets aufs Neue sich zu konstituieren und zu erscheinen versucht, intra- und interkulturell, mit mehrschichtigem Ineinandergreifen von Eigenwelt- und Fremdheitserfahrung, auch Anerkennung und Ablehnung.

 

Beitragsbild: Umschlagmotiv von Karl Mays Der Schatz im Silbersee, Bamberg 1952.

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