»im schaum dieser sprache – hegel lesen«

Wie fühlt es sich an, Hegel heute zu lesen? Davon erzählte Veronika Reichl bei der Eröffnung der Ausstellung Hegel und seine Freunde am 6. Oktober 20019 in einer Lecture-Performance. Sie führte Interviews mit Hegelleserinnen und -leser und schrieb dann Erzählungen und zeichnete Illustrationen. Im Rahmen der Sonderausstellung

›Idealismusschmiede in der Philosophen-WG. Hegel, Hölderlin und ihre Tübinger Studienjahre‹, die vom 12. Juni bis 31. Oktober 2020 im Hölderlinturm Tübingen zu sehen ist, wurde daraus nun ein Buch.

Sven versucht zu verstehen, wie Hegels Grundfigur funktioniert: Etwas faltet sich auf und zwar indem es sich in etwas Gegensätzliches, Anderes umfaltet, dabei irre Muster werfend – sich fein verästelnd, mandelbrotartig. Während dieser Bewegung durchläuft dieses Etwas eine Geschichte und erreicht eine andere Ebene. Sven nimmt ein zartes, organisches Gewebe wahr, das unentwegt danach strebt, sich entfaltend auszubreiten und zugleich in einen neuen Nullpunkt zurückzuschlagen.

(aus »Sven denkt in Denkfiguren«)

Hier und da zitiert Kojève Hegel. Er schreibt aber nicht einfach ein Stück ab und sagt hinterher, was es bedeutet. Nein, Kojève baut in die Hegelzitate lauter kleine Ergänzungen ein, mitten in Hegels Sätze fügt er seine Worte, die sich in Hegels Satzbau schmiegen: Zuordnungen und Verdeutlichungen und Erklärungen. [ … ] Hegels Text wird mit ihnen voller und runder und glatter, sodass Kati darüber hinweglesen kann, ohne dass etwas zu sehr kratzt oder hervorstakt.

(aus »Endlich liest Kati Alexandre Kojève«)

Boris liest weiter und spürt die Reste der Aufhebungen nun überall im Text. [ … ] Es kommt ihm so vor, als ginge in Hegels Aufhebungen nicht nur etwas nicht zu Ende, sondern als begänne auch dauernd etwas in den Resten, ohne dass Boris sagen könnte, was eigentlich. Als setze Hegels Text ständig etwas Neues in Gang, das – falls Hegel es genauer überdächte – wieder etwas bislang selbst von Hegel noch nicht Gedachtes, Neues in Gang setzen würde.

(aus »Boris liest etwas, das nicht aufgeht, und schaut ›House of Cards‹.«)

Mehr unter: https://veronikareichl.com/portfolio/hegel-lesen/

 

Im Schaum dieser Sprache: Hegel lesen. Texte und Zeichnungen von Veronika Reichl, hrsg. von Sandra Potsch. Tübingen 2020. – Zu beziehen über den Online-Shop der Stadt Tübingen: https://www.tuebingen.de/1520.html#/1952)

 

Mehr zur Sonderausstellung im Hölderlinturm unter: https://hoelderlinturm.digital/sonderausstellungen/hegel-hoelderlin

 

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