»Der isch doch scho hee, gell«

Hegel schrieb seine Texte oft in zwei Spalten, eine für die ersten Gedanken, eine für deren Revision, Erweiterung, Konkretisierung und Präzisierung – dieses Hin- und Herwenden der Gedanken sieht man eindrücklich an Hegels im DLA überlieferten Entwurf des Paragraphen »Urtheilskraft« für den Unterricht am Nürnberger Gymnasium. Sein Schüler Heinrich Gustav Hotho wird später über Hegels Vorlesungsstil schreiben: »Abgespannt, grämlich saß er mit niedergebücktem Kopf in sich zusammengefallen da, blätterte und suchte immerfort sprechend in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben; das stete Räuspern und Husten störte allen Fluß der Rede, jeder Satz stand vereinzelt da, und kam mit Anstrengung heraus; jedes Wort, jede Silbe löste sich nur widerwillig los, um von der metallenen Stimme dann in Schwäbisch breitem Dialekt, als sei jedes das Wichtigste, einen wundersam gründlichen Nachdruck zu erhalten.«

 

Auf einer Karten konnten die Ausstellungs-Besucher im Kapitel ›Wie Hegel schrieb und sprach‹ unter anderem den Satz »Denken ist für mich …« ergänzen. Am häufigsten füllten 133 unserer Besucher die drei Pünktchen mit Freiheit (9), gefolgt von anstrengend (5), unabstellbar und verstehen (je 4), Freude, Nichts und Werkzeug (je 2). Einige der weiteren Definitionen: fragend Voranschreiten, hüpfen von Widerspruch zu WiderspruchProbehandelnAblenkung von der Realitätleider viel zu seltenträumen Orgasmus an und für sich – Umweltschutz – in die richtige Richtung zum Wohle aller, das Leben und die Schöpfung aufbauend, befördernd, bewahrend – Konzentration – Labsal für die Seele! – Ruhezeit – ein Schaumbad, das wohltemperiert und eingelaufen zum Genuss werden kann – der Luftraum für die Liebe – eine sprudelnde Kettenreaktion kleiner Männlein in meinem Kopf – das Formulieren meiner Ideen – Denken ist nicht links und rechts, schwarz oder weiß / Denken ist mutig sein – das Erkunden von Wahrheit – Irrgarten – eins sein – der erste Schritt – Beginn – Fortschritt – neue Wege gehen – ein Spaziergang der Kreativität – Luxus – nicht für Dich.

 

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Friedrich Theodor Vischer, der Hegels Vorlesungen über die Ästhetik zu einer eigenen sechsbändigen Ästhetik auszubauen versuchte, rettete für sich das idealistische Denken ins Kleine und Subversive. »Ich habe ein Jahr lang geoxt«, schreibt er 1846, »ich tauge letztlich nicht zum Systematischen, streng Wissenschaftlichen«. Schon im Seminar in Blaubeuren, der Vorstufe für das Tübinger Stift, denkt Vischer sich lieber subversive Mini-Systeme aus. So zum Beispiel Spitznamen mit ›-kopf‹: Renekloten-, Hummelers-, Zuckerhut-, Rettich-, Eyerbieren-, Fallthürenkopf. 126 unserer Besucher haben Vischers Komposita erweitert, u.a. mit Schwaben-, Schiller-, Hegel-, Welt-, Weltgeist-, Liebesliederlauscher-, Denk-Krause-, Herbstkopfrechnen-, Ohne-Haare-, Pferdschwanz-, Air-pods-Ohren-, Mondsonnesterne-, Edelhegelhopfenhefezopfen-, Engstirn-, Paragrafen-, Ich-Sag’s-der-Mutter-, Höhlenhohl-, Königskind-, Mausbären-, Marmeladentopf-, Prinzenrolle-, Liebeherz-, Liebestropf-, Lästermaul-, Vorderhinter-, Wasserwellen-, Wundertüten– und Zuckerwattekopf. Mehrfach genannt wurden: Dumm- (42), Eier- (20), Hohl-, Salat- (je 18), Holz- (16), Fisch-(13), Kohl- (12), Quer- (10), Trotz-, Schwach- (8), Quatsch– (7), Stur- (7), Glatz-, Kraut-, Locken- (je 5), Doof-, Most-, Motz-, Kinds-, Sau-, Kürbis-, Gips- (je 4), Laber-, Laus-, Kahl-, Wuschel-, Charakter– (je 3), Stroh-, Wirr-, Brumm-, Hitz- und Matschkopf (je 2).

 

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Hegels Phänomenologie des Geistes lag als Leseexemplar in der Ausstellung. Die Frage an die Besucher: »Vergesse ich mich beim Lesen dieses Hegel-Textes oder ist das Gegenteil der Fall: Ich bin mir meines Ichs besonders bewusst, weil der Text mich immer wieder stolpern lässt und auf mich zurückwirft?« 33 Besucher füllten hier die Karten aus, acht kreuzten ›Vergessen‹ an, elf ›Bewusstsein‹ und neun entschieden sich für beides, weil es sich für sie um »ein Kippbild« handelte. Einige brachten beide Begriffe auf andere Weise zusammen: Vergessen erweitert das Bewusstsein, Bewusstsein ist intensives Selbstvergessen, Nie-Vergessen oder Vergiss das Bewusstsein. Fünf fügten andere Bezeichnungen hinzu wie Rausch, Kraft, Staunen, Verstand.

 

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Besucher zeichneten ihre »Realdialektik-Kostümparty« (Paul Tillich).

»Wie Hegel als Kind sprach, so dachte er«, findet Alexander Kluge und hat zum Beweis seinen in Heidenheim am Fuß der Schwäbischen Alb geborenen Kameramann Thomas Mauch Hegel lesen lassen: »Die Worte sprengen die Grammatik weg – und das Abstrakte seiner Philosophie wird plötzlich ganz gegenwärtig.« Wir haben nicht nur Kluges Film Das Hochdeutsche knistert wie Zeitungspapier, das Alemannische strömt wie das Blut von 2017 gezeigt, sondern in einem Ausschnitt aus der Wissenschaft der Logik das Wort ›etwas‹ durch ›ebbes‹ ersetzt und die Besucher gefragt: »Versteht man Hegel auf Schwäbisch besser?« Ihre Antworten griffen fast immer den Dialekt auf: Abber gwieß! A bissle. Scho! Ha Ja!– Hegel kann alles außer Hochdeutsch.

 

Gesichtet von Daniel Knaus, Tamara Meyer und Heike Gfrereis

 

Beitragsbild: 225 Besucher zeichneten ihren Hegel-T-Shirts. Foto: DLA Marbach.

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