›hölderlin, celan und die sprachen der poesie‹. sieben fragen zur ausstellung. teil 3

Alexa Hennemann: Auf welche Weise werden »Sinnlichkeit und Körperlichkeit« (Viktor Slovskij) von Hölderlins Dichtung im experimentellen Labor erfahrbar?

 

Heike Gfrereis: In empirischen Laborstationen können Besucher – soweit es trotz der Einschränkungen wegen Covid-19 möglich ist – sich selbst beim Lesen von Hälfte des Lebens und anderen Hölderlin-Gedichten beobachten: Welche Wörter fokussieren wir mit den Augen länger, in welche Richtungen lesen wir, wie übersetzen wir dieses Gedicht in Gesten? Sind wir dabei originell und individuell oder machen wir alle doch mehr oder weniger dasselbe? Wir werden die Ergebnisse dieser empirischen Stationen anonymisiert aufzeichnen und zusammen mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien Tübingen auswerten, um mehr u.a. darüber zu erfahren, wie unser Körper ein Gedicht ›mitliest‹ und es spürt.

Paul Celans Entwurf für sein Gedicht 'Andenken'.

Alexa Hennemann: Für Paul Celan ist Hölderlin der »schlechthin Fragmentarische«, nach Celans Tod findet man die aufgeschlagene Hölderlin-Biografie von Wilhelm Michels auf seinem Schreibtisch. Welche Rolle spielt Celans Werk in der Ausstellung? Welche besonderen Verbindungslinien im Werk zeigen sich?

Heike Gfrereis: Celan ist der Hölderlin-Leser unter den Schriftstellern, bei dem diese Lektüre-Erfahrung am produktivsten und sicherlich auch am spannungsreichsten und ambivalentesten ist. Denn Hölderlin ist für Celan nicht nur der Autor, der für ein modernes Ideal von Poesie steht, er ist auch die Dichterfigur, die im 20. Jahrhundert am meisten ideologisch missbraucht wurde, gerade auch im so genannten Dritten Reich. Für einen Autor wie Celan, dessen Eltern 1942 in einem Arbeitslager starben (der Vater an Typhus, die Mutter wurde von einem SS-Soldaten erschlagen), heißt Hölderlin lesen und nach Hölderlin schreiben vor allem auch: ihn zu dekonstruieren, diese von einer Deutungstradition verstellten Texte und – wie Celan es einmal formuliert– ihre »sicher verwaltete Sprache« freizulegen. Aus Hölderlins Andenken übernimmt er die Wörter ›Augen‹ und ›Feigen‹. In Tübingen, Jänner unterstreicht er die beiden Hölderlin-Zitate: »ein / Rä̈tsel ist Rein- / entsprungenes« aus Der Rhein und »Pallaksch. Pallaksch«, die ›Ja‹ und ›Nein‹ bedeutende Lieblingswendung des alten Hölderlin. Celan reduziert und fragmentarisiert das Hölderlin-Material auf eine Substanz, die für das steht, was gerade noch bleibt, wenn fast nichts mehr ist. Diese Substanz entzieht sich. Sie leistet jedem Versuch, Eindeutigkeit herzustellen, Widerstand. In eines seiner Notizhefte schreibt Celan zu einem Hölderlin-Vers: »Das Gedicht und seine kompakten Stellen. Widerstand – auch – von daher. Von den ›Kompaktheiten‹ her ausstrahlendes erkennen.« Theodor W. Adorno formuliert etwa zeitgleich in seiner Negativen Dialektik seine Definition von Kunst als »schlechthin Fragmentarisches«: »Kunst obersten Anspruchs drängt über Form als Totalität hinaus, ins Fragmentarische.«

Beitragsbild: Blick in die Ausstellung. Foto: DLA Marbach (Chris Korner).

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