›hölderlin, celan und die sprachen der poesie‹. sieben fragen zur ausstellung. teil 2

Alexa Hennemann: Die Ausstellung erzählt von der Poesie im Archiv auch phänomenologisch, Begriffe wie Atmen, Zerlegen und Schön sind dabei Ordnungselemente. Wie führen Hölderlins Gedichte ins Herz der Poesie im Archiv?

 

Heike Gfrereis: Hölderlins Gedichte sind auch ein Materialitätsereignis, ein Bilderlebnis, ein grafisches und eben tatsächlich auch räumliches, plastisches, körperhaftes Phänomen. Die Frankfurter Ausgabe von Dietrich E. Sattler hat diese Perspektive stark gemacht, weil sie ganze Konvolute faksimilierte. Man kann bei einer kleinen Form wie dem Gedicht, die seit dem 18. Jahrhundert buchstäblich durch Verdichtung auf dem Papier entsteht, den Text nicht von seiner sinnlichen Erscheinung trennen. Die optische Gestalt ist Teil dieses Textes, genauso wie die klangliche Dimension. Beides ist also auch Teil der Arbeit am Gedicht – und diese Arbeit sieht man besonders gut im Archiv, in all ihren Phasen und Ausprägungen: vom Schönschreiben und Widmen über das Atmen, Zerlegen und Formatieren bis hin zum Offen- und Unbestimmtlassen. Denn auch das zeigen Hölderlins Manuskripte: Gedichte müssen nicht fertig und perfekt sein, um zu berühren. Manchmal reichen nur wenige Wörter. Auch die Lücke, der Bruch, die Streichung, das Ambivalente sind Teil der Poesie.

Ende von Hölderlins Brief an Schiller, um den 18. September 1797.

Alexa Hennemann: Hölderlins großes Vorbild war Friedrich Schiller. Wie würdest Du diese Beziehung charakterisieren?

 

Heike Gfrereis: Ein Schüler (Friedrich Hölderlin) sucht sich einen älteren, erfolgreichen Schriftsteller (Friedrich Schiller) als Vorbild und macht ihn zum Fixstern seiner Literatur. Als Schillers moralisch wie sprachlich extremes Drama Die Räuber 1782 am Mannheimer Theater uraufgeführt wird, ist Hölderlin 12 Jahre alt und übt wenig später selbst den Räuber-Ton: »Sieh! er lauscht, schnaubend Tod – / Ringsum schnarchet der Hauf, / Des Mordes Hauf, er hörts, er hörts, im Traume hört’ ers, / Ich irre, Würger, schlafe, schlafe.« 1793 bewahrt der elf Jahre ältere Schiller den frisch examinierten Tübinger Theologie-Studenten Hölderlin vor einer verhassten Tätigkeit als Pfarrer: Er vermittelt ihn als Hauslehrer an seine frühere Geliebte Charlotte von Kalb nach Jena: »Ich glaube, daß Ihnen sein Aeußeres sehr wohl gefallen wird. Auch zeigt er vielen Anstand und Artigkeit«. Was so gut anfing, kippt jedoch bald. Der Hauslehrerposten ist schwieriger als erwartet, der Zögling schwer erziehbar, und Hölderlin ist zu sehr von Schiller beeindruckt: »So lang ich vor Ihnen war, war mir das Herz fast zu klein, und wenn ich weg war, konnt’ ich es gar nicht mehr zusammen-halten. Ich bin vor Ihnen, wie eine Pflanze, die man erst in den Boden gesezt hat. Man muß sie zudeken um Mittag. Sie mögen über mich lachen; aber ich spreche Wahrheit.« Schiller ist von Hölderlins Gedichten nicht ganz überzeugt – auch weil sie ihn an seine eigenen erinnern. Als der ohnehin nur spärlich antwortende Schiller zwei Jahre gar nicht mehr schreibt, endet die ungleiche Beziehung. Hölderlin empfindet diese Ungleichheit stark: »Sie wissen es selbst, daß jeder große Mann den andern, die es nicht sind, die Ruhe nimmt, und daß nur unter Menschen, die sich gleichen, Gleichgewicht und Unbefangenheit besteht.«

 

Beitragsbild: Blick in die Ausstellung. Foto: DLA Marbach (Chris Korner.)

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