maigesäusel. ein monat und seine bedeutungsfelder bei hölderlin, schiller, kerner und mörike

Hölderlin ist ein Jahreszeitendichter mit einer ausgeprägten Neigung zum Frühling. Die Jahreszeit des Naturerwachens lässt er in seinen Gedichten 84-mal erscheinen – siebenmal als Lenz, 14-mal in Komposita wie Frühlingslüfte, Frühlingsrosen, Frühlingshimmel, Frühlingsregen oder Frühlingsmilde. Der Frühling ist heilig, erquickend, süß, hold, üppig, sanft. Der Sommer dagegen wird sehr viel seltener durch ein Adjektiv näher charakterisiert und begegnet dem Leser in Hölderlins Gedichten nur 31-mal, u.a. als Sommerglut, Sommernacht, Sommerregen und Sommerflecken. Ebenso der Herbst (27-mal, Herbsttag, Herbstgewimmel, Herbstfest) und der Winter (19-mal, Winterstürme). Nur vier von zwölf Monatsnamen nennt Hölderlin konkret – zweimal den März und jeweils einmal April und Juli, die letzten beiden in Kombination mit dem Mai: »Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen, / Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen, / April und Mai und Julius sind ferne, / Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!«

 

Der Mai kommt in Hölderlins Gedichten als einziger Monat öfter vor, insgesamt 17-mal. Etwas anders sieht es aus, wenn man die Datierungen mitzählt, die Hölderlin zusammen mit dem Namen ›Scardanelli‹ unter die späten Gedichte setzte. Unter diesen zumeist aus der tatsächlichen historischen Zeit fallenden Daten findet man einmal Juli (den 28.) und Dezember (den 25.), zweimal April (jedes Mal den 24.), dreimal Januar (zweimal den 24. und einmal den 20.), viermal März (den 3., 9., 15. und 24.) und neunmal den Mai (achtmal den 24. in Kombination mit 1748, 1758 und 1778, einmal den 20. in Kombination mit 1758). Die Jahreszahlen reichen vom 17. ins 20. Jahrhundert: 1648, 1671, 1676, 1743, 1748 (viermal), 1758 (viermal), 1778, 1839, 1841, 1842 (zweimal), 1849, 1940.

 

Die Datierungen öffnen einen historischen Raum, die Kombinationen im Text einen semantischen wie in diesen Beispielen: »Da sucht ich Maienblümchen im Walde mir, / Da wälzt ich mich im duftenden Heu umher« (Einst und jetzt). »Kühl und schattig ists im Leichentuch, / Abgeschüttelt ist die Sklavenkette, / Maigesäusel wird Gewitterfluch« (An die Stille). »Lieblich der Mutter Gesang, die im Grase sitzt mit dem Söhnlein, / Das die Sonne des Mais schmeichelt in lächelnden Schlaf.« (Der Wanderer) »Da ich noch in Kinderträumen, / Friedlich, wie der blaue Tag, / Unter meines Gartens Bäumen / Auf der warmen Erde lag, / Und in leiser Lust und Schöne / Meines Herzens Mai begann, / Säuselte, wie Zephirstöne, / Diotimas Geist mich an.« (Diotima, mittlere Fassung) »Am purpurnen Kirschbaum oder wenn / Von dir gesandt im Weinberg mir / Die jungen Pfirsiche grünen, / Und die Schwalbe fernher kommt und vieles erzählend / An meinen Wänden ihr Haus baut, in / Den Tagen des Mais, auch unter den Sternen / Gedenk’ ich, o Ionia, dein!« (Die Wanderung) »Schnee, wie Maienblumen« (Mnemosyne, zweite Fassung). »Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen, / April und Mai und Julius sind ferne, / Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!« (Das Angenehme dieser Welt – nach diesem 1811 entstandenen Gedicht taucht der ›Mai‹ bei Hölderlin nur noch in den Datierungen, nicht mehr im Haupttext auf)

 

Bei Hölderlins großem Vorbild Friedrich Schiller wird der Mai in den Gedichten nur 12-mal und zumeist als poetisches Bild für Liebe und Schönheit, Jugend, Lebenskraft und Leben erwähnt, mehrfach z.B. als Maienschwung und des Lebens Mai, er ist ewig und golden. In den Gedichten von Justinus Kerner, der als Medizinstudent 1806 den erkrankten Hölderlin in der Tübinger Universitätsklinik medikamentierte, taucht der Mai 22-mal auf, verbunden mit blauem Himmel, Licht und Tag, Klang, Gesang und Tanz, Vögeln und Schmetterlingen, Blumen, Fruchtbarkeit und rauschenden Quellen. Die Maientage und der Maienschein sind lind, alles treibt und wogt. Allerdings lebet auch der Tod im Mai am liebsten und die Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit ist hier besonders gegenwärtig: »Ziehe nicht so spröd’ und schnelle, / Süßer May, an mir vorüber! […] Ach! des Busens bange Tiefen / Kann kein Mayenstrahl erhellen! // Laß die Stern’ an Himmelszinnen, / Blüthen auf der Erde glänzen, – / Todtes Herz! im Hügel innen / Liegst du unter welken Kränzen!« (Mayenklage)

 

Bei Eduard Mörike ist der Mai der Monat, in dem alles besonders ist: Maiensonne und Maienschatten, Mailüftchen und Maienschein, Maienzeit und Maienwonne. Mörike verwandelt den Mai in eine subjektive Wahrnehmung von Licht, Luft und Wärme und einmal auch in ein ganz eigenes Leseerlebnis: »Grünlicher Maienschein warf mir geringelte Lichter / Auf’s beschattete Buch, neckische Bilder zum Text.« (Idylle. An J. M.) Auch Hölderlin lesen ist für Mörike eine Mai-Erfahrung. Am 21. Mai 1832 schreibt der 27-jährige an Johannes Mährlen: »Ach, Alter, neulich, d.h. vor drei Wochen, kam mich so ein hastig-süßes Frühlingsfieber, auf einem meiner Felsen, an. Erinnere, Dich, wie wir einmal vor der Allee in Tübingen, unter Schlüsselblumen u. Maikäfern den Hyperion lasen? Ich sehnte mich wieder nach dem lang nicht gelesenen Buche und verschrieb mirs augenblicklich. O welch ein sinnbetäubender Dampf u. Blumengeruch der Vergangenheit stieg mir entgegen! […] Der Eindruck des Lesers ist der peinlichst-glücklichst-complicirteste. Man fühlt sich ergriffen, wie mit Götterfingern plötzlich an der leisesten Seelfaser berührt, kräftig erhoben und dann wieder so krank, so pusillanim [ängstlich], hypochondrisch u. elend.«

 

Heike Gfrereis und Vera Hildenbrandt

 

Beitragsbild: Friedrich Hölderlins Der Frühling, 24. April 1843. Foto: DLA Marbach.

 

 

Verwendete Ausgaben

 

Friedrich Hölderlin: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Große Stuttgarter Ausgabe, hrsg. von Friedrich Beißner, Stuttgart 1946–85.

 

Justinus Kerner: Die lyrischen Gedichte. Hrsg. von Karl-Maria Guth. Berlin 2017.

 

Eduard Mörike: Gedichte. 4., verm. Aufl. Stuttgart 1867. (Ausgabe letzter Hand).

 

Friedrich Schiller: Gedichte. Altenmünster 2015.

2 antworten auf “maigesäusel. ein monat und seine bedeutungsfelder bei hölderlin, schiller, kerner und mörike”

  1. Clemens Bellut sagt:

    Guten Tag – gelegentlich habe ich mich bereits ähnlich dazu geäußert. Da aber keine Reaktion darauf zu haben war, versuche ich es mal auf diesem Weg: Es ist mir völlig unklar, wie man heutigentags noch bei Fragen der Chronologie, der Gedichtformierung (was von den Blättern jeweils als wirklich EIN Gedicht anzusehen ist) die Referenz der Beißner Ausgabe zugrundlegt. Ich habe nichts dagegen, diese Ausgabe oder nahestehende Leseausgaben zum Lesen zu empfehlen und zu nutzen … ABER zu Untersuchungen und Auskünften, wie sie von dem Marbacher Projekt zu Hölderlin vorgelegt und angestrengt werden, werden doch schlichtweg 50 Jahre Hölderlin-Edition und Philologie und ganze Epochen der Revolutionierungen und des Abschies von herkömmliche nText- und Werkbegriffen einfach in den Wind geschlagen.

    Bitte geben Sie mir einen Hinweis, was der vermutlich höchst gewichtige Grund für diese Entscheidung war – von dem ich hoffe, daß es nur nicht Gründe der Einfachheit und Entscheidbarkeit waren (denn de facto würde man die Art von Untersuchungen auf Grundlage der neueren Editionen ja tatsächlich meistenteils gar nicht mehr anstellen können … aber wenn dem so ist, dann kann man doch nicht um des Untersuchungsdesigns willen einfach eine dafür geeignete Textkonstitution nehmen).

    Danke für eine freundliche Bemühung zur Beantwortung – und einen schönen Gruß,
    Clemens Bellut.

    Leiter des Instituts “artes liberales – universitas”
    und des “artes liberales – Buchladens” (Heidelberg)

    Clemens-Bellut[at]ArtesLiberales.Name

    • DLA sagt:

      Sehr geehrter Herr Bellut, bei den Datierungen der Gedichte in unserer Ausstellung folgen wir der Bremer Ausgabe von Dietrich E. Sattler. Hier beziehen wir uns allerdings ausschließlich auf die von Hölderlin selbst vorgenommenen Datierungen. Der Textanalyse haben wir die Beißner’sche Edition zugrundegelegt, weil sie uns digital vorlag. Die Datierungen dort haben wir mit der Frankfurter Ausgabe abgeglichen, ebenso stichprobenhaft die Worthäufigkeitstendenzen verglichen (konstituierter Text vs. Entwurf). Herzlich Ihr DLA

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