anfang und ende in hölderlins gedichten

Wie und wo beginnt ein Text und wie und wo hört er auf? Im Fall von Gedichten ist das nicht eindeutig zu beantworten. Ist der Titel schon ein erstes Wort? Was ist mit dem Reim, dem letzten Wort eines Verses, und was mit den groß geschriebenen Wörtern zum Beginn jeder Zeile? Gedichte, so könnte man es zuspitzen, machen alles komplizierter. Sie steigern Doppeldeutigkeiten, sie spielen mit den Bild- und Atemzeichen Punkt, Komma, Strich und provozieren die Spannung zwischen Satz und Vers, Sinn und Klang, Norm und Abweichung.

 

Für unsere Wechselausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ haben wir die Eigenschaften von Hölderlins Gedichten auch mit Mitteln der digitalen Textanalyse untersucht. Wir haben Wörter, ihre buchstäblichen und klanglichen Eigenschaften, ihre Bedeutungsfelder, Kombinationen und Stellungen im Vers untersucht. Wie sehen zum Beispiel die starken vertikalen Linien eines Gedichts – der Anfang und das Ende einer Verszeile – bei ihm aus? Was sehen wir, wenn wir seine Gedichte von ihren Rändern her abtasten und als konkrete Form zu begreifen versuchen?

 

Von den 13.989 Verszeilen bei Hölderlin beginnen die meisten mit und (1.199), gefolgt von die (556), der (498), in (236), das (232), wenn (227), wie (215), wo 211, denn (179), so (171), aber (164), o (162), den (157), des (147), von (147), daß und doch (je 141), es (136) und  mit (135). Im Kontrast zu diesen einfachen und kurzen aneinanderreihenden, aufzählenden, entgegenstellenden, zeigenden und anrufenden Wörtern stehen bei Hölderlin die Versanfangswörter, die in dieser Position nur einmal vorkommen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sogleich eine eigene rhythmische Einheit bilden. Zaubergesänge, Wolkenumnachtete, Weltenumeilenden

Häufigkeit der ersten Wörter in Hölderlins Gedichten. Diagramm: Vera Hildenbrandt.

101 Gedichte von Hölderlins 424 Gedichten sind gereimt. Am häufigsten reimt er auf leben (38), an (29), wieder (26), natur (24) und nieder (22). 16-mal reimt Hölderlin nieder auf wieder, viermal auf Gefieder. Zwölfmal folgen Brust und Lust einander (darunter Elysiumslust, Siegeslust, Mutterbrust). Zehnmal reimen Flügel und Hügel, siebenmal Liebe und trübe, sechsmal Liebe und Triebe. Fünfmal folgt Hülle auf Fülle, dreimal auf Stille. Ebenfalls dreimal reimt Hölderlin Tage auf Sage. Leben reimt er gerne auf geben: leben – geben, Erdenleben – geben, Leben – hinzugeben, Leben – hingegeben, Leben – gegeben, aber auch auf schweben: umschweben – Freudenleben, Leben – schweben, Erdenleben – schweben. Viermal reimt er leben auch auf beben, ebenso oft Stunden auf gefunden und auch auf weg-, ver-, ge- oder hingeschwunden. Heiligtum wird ebenfalls viermal mit stumm gereimt, fünfmal mit Elysium.

 

Heike Gfrereis und Vera Hildenbrandt

 

(Gezählt in: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Große Stuttgarter Ausgabe, hrsg. von Friedrich Beißner, Stuttgart 1946-85.)

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