ähnlichkeiten mit lebenden
oder verstorbenen personen
sind rein zufällig

Nicht jedes Selfie führt zur Selbsterkenntnis, und jeder kennt Fotos von sich, von denen man sich nur distanzieren kann: ›Das bin ich nicht‹. Die Aufgabe, ein menschliches Gesicht kenntlich für die Mit- und Nachwelt festzuhalten, war noch nie einfach. Stift oder Pinsel sind als Werkzeug dafür noch anspruchsvolle als die Kamera.

 

Das Hölderlin-Pastell von Franz Carl Hiemer stammt aus dem Jahre 1792 – Hölderlin ist damals 22 Jahre alt. Es ist das wohl berühmteste Bild des Dichters, dessen 250. Geburtstag dieses Jahr in Deutschland und weltweit gefeiert wird. Hiemers Porträt wohnt in zahlreichen Publikationen, im Internet und vor allem in unsern Köpfen. Wer es gesehen hat, glaubt etwas vom Wesen des schwäbischen Genies verstanden zu haben.

Hölderlin schenkte das Porträt seiner Schwester Heinrike am 9. Oktober 1792 zur Hochzeit. Sie kommentierte das Geschenk in einem Brief an ihren Bruder am 9. Mai 1795 so: »Du lieber Bruder fehltest uns, und nur Dein […] Porträt, dem aber freilig auch nach der guten Großmutter Beurtheilung viel zur Aehnlichkeit fehlt, war eine kleine Schadloshaltung [Wiedergutmachung]!« Man möchte meinen, dass die erwähnte Großmutter mütterlicherseits, Johanna Rosina Heyn, ihren Enkel gut genug gekannt hat – ihr Urteil darf gelten. Hölderlins Zuneigung zu ihr zeigt sich in seinem Gedicht Meiner verehrungswürdigen Grosmutter zu ihrem 72sten Geburtstag. 

 

Vieles hast du erlebt, du theure Mutter! und ruhst nun

   Glüklich, von Fernen und Nah’n liebend beim Namen genannt,
Mir auch herzlich geehrt in des Alters silberner Krone
   Unter den Kindern, die dir reifen und wachsen und blühn.
Langes Leben hat dir die sanfte Seele gewonnen
   Und die Hofnung, die dich freundlich in Leiden geführt.
Denn zufrieden bist du und fromm, wie die Mutter, die einst den
   Besten der Menschen, den Freund unserer Erde gebahr. –
Ach! sie wissen es nicht, wie der Hohe wandelt im Volke,
   Und vergessen ist fast, was der Lebendige war.
Wenige kennen ihn doch und oft erscheinet erheiternd
   Mitten in stürmischer Zeit ihnen das himmlische Bild.
Allversöhnend und still mit den armen Sterblichen gieng er,
   Dieser einzige Mann, göttlich im Geiste, dahin.
Keines der Lebenden war aus seiner Seele geschlossen
   Und die Leiden der Welt trug er an liebender Brust.
Mit dem Tode befreundet er sich, im Nahmen der andern
   Gieng er aus Schmerzen und Müh’ siegend zum Vater zurük.
Und du kennest ihn auch, du theure Mutter! und wandelst
   Glaubend und duldend und still ihm, dem Erhabenen, nach. […]

 

 

In unserer Wechselausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ wird Hiemers Hölderlin-Porträt aus konservatorische Gründen nur für wenige Wochen im Original zu sehen sein.

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