Sammeln bedeutet, dem Wunsch nach Vollständigkeit zu folgen. Die Sammlung überdauert Generationen und wird von Ergänzung zu Ergänzung zu einem immer dichteren Abbild des Sammelgegenstandes. Im Deutschen Literaturarchiv kreist die Sammlung um Leben und Werk von Autorinnen und Autoren. Wozu wird geschrieben? Das Bedürfnis, sich auszudrücken, eine eigene Stimme zu finden und die menschliche Existenz im Schreiben zu begreifen steht immer neben dem Wunsch, die Zeiten zu überdauern. Ist das Ziel der Veröffentlichung erreicht, scheint der erste Schritt dorthin getan. Doch auch das gedruckte Wort ist nicht unvergänglich. Der Markt vergisst schnell. Und eine Vielzahl von Autorinnen verschwindet schon kurz nach ihrem Erscheinen wieder von der Bildfläche. Selbst bekanntere Namen laufen nach ein paar Jahrzehnten – und was sind ein paar Jahrzehnte gegen die Ewigkeit? – Gefahr, dem vollständigen Vergessen anheimzufallen.
Elisabeth Friedrichs (1910–1990), Diplom-Bibliothekarin, arbeitete zehn Jahre lang an ihrem heute zu einem Standardwerk gewordenen Lexikon Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts (1981), einer Arbeit gegen das Vergessen, über die sie in ihrem Werkstattbericht Die Lexikon-Heimat der Schriftstellerinnen (1983) schreibt: »Dabei war es mir jedesmal eine Freude, wenn ich eine neue Schriftstellerin fand: je unbekannter, desto lieber und interessanter waren sie mir! Ich wollte ja gerade die oft zu Unrecht vergessenen aus der Unbekanntheit herausholen […] Die bekannten Schriftstellerinnen stehen natürlich auch […] in meinem Lexikon, doch waren diese mir verhältnismäßig gleichgültig, weil man sie in jedem Lexikon findet. Den Unbekannten gehörte mein Herz, meine Freude, meine Arbeit.« (S. 102f.) Friedrichs trug Lebensdaten und biografische Grundinformationen wie Geburts- und Sterbeort oder Brotberuf zu mehr als 4.000 Autorinnen zusammen und entschlüsselte deren (häufig männliche) Pseudonyme. Mit ihrem Lexikon taucht man in lang vergangene Zeiten ein. Wie schwierig die Recherchen waren, kommt dabei immer wieder zum Ausdruck. »Nur Angaben über den Mann«, heißt es etwa bei Therese Strasser auf S. 302. Oder »Trotz intensiver Suche nichts ermittelt« (Rosa Steindl Edle von Tannenwald, S. 297). In ganz verknappter Form umreißt Elisabeth Friedrichs die Tragik mancher Lebensläufe. »Geh. Schriftsteller E. Kattner«, schreibt sie z. B. auf S. 154 über Emma Kattner. »Er starb sehr früh und hinterließ sie mit 8 Kindern.« Bibliografische Angaben zu Werken findet man hingegen nicht. Aufgeführt sind nur Art und Anzahl der Veröffentlichungen, erste Spuren bei der Recherche auf dem antiquarischen Markt. Hinsichtlich der Buchtitel kann fallweise das zweibändige Lexikon deutscher Frauen der Feder: eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme (1898) von Sophie Pataky (1860–1915) eine gute Ergänzung für die Suche sein.
In der Erwerbung wird geprüft, inwieweit die Schriftstellerinnen schon mit ihren Werken in unserer Bibliothek vertreten sind. Um fehlende Titel zu ergänzen, werden in regelmäßigen Abständen Verkaufsplattformen mit dem Namen oder dem Pseudonym der Schriftstellerinnen durchsucht. Dabei ist es von Vorteil, wenn es sich nicht um Allerweltsnamen handelt. Für die Suche braucht man in vielen Fällen einen langen Atem. Auch wenn sich der Markt verändert, muss man oft genug feststellen, dass wieder kein Treffer dabei ist. »Nun hatte ich zwar Material für die Frauen zusammenbekommen, aber ihre Werke sind ja größtenteils nicht mehr greifbar«, schreibt Elisabeth Friedrichs schon 1981 in ihrem Vorwort (S. VII). Bei manchen Autorinnen kann sich die Fahndung nach fehlenden Werken jahrelang hinziehen. Besonders schwierig gestaltet sich die Suche nach Werken von Schriftstellerinnen aus dem 18. Jahrhundert, viele davon werden kaum angeboten. Die Zusammenarbeit mit einschlägigen Antiquariaten ist daher unerlässlich. Den erworbenen Exemplaren sieht man häufig ihre bewegte Geschichte und ihren Gebrauch an, manchmal haben sich Vorbesitzerinnen mit ihren Namen in den Büchern verewigt.
(Wieder)entdeckt werden kann nun u.a. eine frühe Ausgabe der Gedichte oder Gedankenschatten (so der Titel auf dem Deckel) von Helene von Waldersee (1850–1917), 1903 als Manuscript gedruckt. Nachgewiesen sind deutschlandweit nur spätere Ausgaben ihrer Schlesischen Gedichte (1907) und die Verlagsausgabe der Gedichte bei Heege (1914). Djemileh und Die beiden Armenierinnen (1907) lauten die Titel von zwei in einem Band erschienenen Romanen von Dora Strempel (1836–1919), die sich hinter dem Pseudonym Detlef Stern verbarg. »Sie war Korrespondentin der Täglichen Rundschau in Konstantinopel, kehrte 1906 nach Deutschland und in ihre Vaterstadt zurück.« (Friedrichs, S. 303). Des Pastors Liebe von Aimée Duc (eigentlich Minna Wettstein-Adelt, geboren 1867, gestorben nach 1908), 1904 in Zürich erschienen, verspricht ein modernes Sittenbild. »Sie gehörte der Frauenbewegung an.« (Friedrichs, S. 335) Ihr Roman Sind es Frauen? (1901), zu fortschrittlich für ihre Epoche, ist einer von wenigen Titeln, die in jüngerer Zeit wieder Beachtung gefunden haben (Nachdruck im Amazonen-Frauenverlag, 1976, in englischer Übersetzung bei der Broadview Press, 2020). Unter dem schlichten Titel Ehefrauen (1912) erschienen die Novellen von Helene von Mühlau, eigentlich Hedwig von Mühlenfels (1874–1923). »Mit den glücklichen Ehen ist es wie mit den Geistererscheinungen. Jeder spricht davon und keiner hat sie gesehen.«, steht den Novellen wenig ermutigend voran. Wer sich lieber mit Theaterstücken beschäftigt, kann sich Jutta: Schauspiel in 5 Akten. Nach einem alten Mysterium (um 1906) von Elsa Sprengel (1868–1922) zuwenden. »Sie war Dramatikerin, Lehrerin in Halberstadt 1890-1901, lebte seit 1910 in Neuruppin.« (Friedrichs, S. 294) Das erworbene Exemplar, als Bühnenmanuskript gedruckt, wurde offensichtlich nie gelesen, die Seiten sind nicht aufgeschnitten, die Lagen nicht gebunden.
Die Suche nach fehlenden Titeln geht weiter: Angebote von Büchern vergessener Autorinnen sind jederzeit sehr willkommen! Herzlichen Dank an all unsere hilfreichen Lieferanten im Antiquariatsbuchhandel, die mit uns auf Spurensuche gehen.
Katja Buchholz
Beitragsbild: DLA (Anja Bleeser).
Elisabeth Friedrichs, Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts: ein Lexikon. Stuttgart 1981.
Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder: eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Berlin 1898 [in 2 Bänden]
Elisabeth Friedrichs, »Die Lexikon-Heimat der Schriftstellerinnen«, in: Die Horen 28 (1983),4, S. 98-107