Das DLA hat die Erstausgabe von Stefan Zweigs ›Schachnovelle‹ erworben

Die Erwerbung in der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs arbeitet kontinuierlich daran, Lücken in den Beständen zu entdecken und zu füllen. Dabei werden mehrere Sammellinien verfolgt, u.a. stehen derzeit Erstausgaben von vergessenen Schriftstellerinnen im Fokus, aber auch die Ergänzung der bereits umfangreichen Exil-Bestände wird fortgesetzt. Die Suche nach fehlenden Titeln ist sehr zeitaufwendig. Hat man mit Hilfe von Bibliografien Lücken in den Beständen entdeckt, muss der antiquarische Markt beobachtet und auf ein passendes Angebot gehofft werden. Gerade bei Titeln, die in kleiner Auflage im Exil erschienen und entsprechend rar sind, kann die Suche länger dauern, zumal wenn es sich um populäre Werke prominenter Autorinnen und Autoren wie Stefan Zweigs Schachnovelle handelt. Eine solche Erstausgabe zu suchen ist ungefähr so abenteuerlich, wie einen weißen Wal zu jagen. Ab und zu taucht ein Exemplar in Sichtweite auf, aber man bekommt es nicht. Umso größer die Freude, wenn es dann doch geklappt hat.

 

Ob Stefan Zweig ahnte, wie bekannt sein letztes Buch werden und wie schwer es eines Tages sein würde, an ein Exemplar der Erstausgabe zu kommen? Am 15. Januar 1942 schrieb er an Hermann Kesten in ganz bescheidenem leichtem Ton: »Von mir ist wenig zu berichten. Ich habe eine Novelle geschrieben in meinem beliebt-unglücklichen Format, zu groß für eine Zeitung und ein Magazin, zu klein für ein Buch, zu abstrakt für das große Publikum, zu abseitig in seinem Thema. Aber Sie wissen ja, dass Mütter ihre einerseits schwächlichen, anderseits begabten Kinder am zärtlichsten ans Herz drücken.« (Stefan Zweig, Briefe 1932–1942, Frankfurt a.M. 2005, S. 336).

 

Heute kennen Millionen Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt die Erzählung von der ganz besonderen Schachpartie zwischen »Dr. B.« und dem Schachweltmeister Mirko Czentovic an Bord eines Passagierschiffes auf dem Weg von New York nach Buenos Aires. In Rückblenden erfährt das Lesepublikum von der Inhaftierung des gebürtigen Wieners Dr. B. 1938 durch die Gestapo, seiner monatelangen Isolation, dem glücklichen Erlangen eines einzigen ersehnten Buches, das sich leider nur als Schachbuch entpuppt, und seiner Gedankenflucht ins obsessive Schachspielen gegen sich selbst, das ihn an den Rand des Wahnsinns treibt.

 

Lotte Zweig tippte die Schachnovelle auf ihrer Schreibmaschine mit drei Durchschlägen. So entstanden vier Exemplare, die alle noch handschriftlich korrigiert wurden. Das Original-Typoskript blieb in Brasilien. Dort erschien im September 1942 in der Editora Guanabara in Rio de Janeiro die portugiesische Erstausgabe der Schachnovelle unter dem Titel A partida de Xadrez im Sammelband As três paixões. Die drei Durchschläge gingen am 21. Februar 1942 auf dem Postweg an ihre Empfänger: der erste an Zweigs amerikanischen Verleger Benjamin W. Huebsch in New York, der zweite an Gottfried Bermann Fischer in Stockholm, wo 1943 die zweite deutschsprachige Ausgabe erscheinen sollte, und der dritte an Alfredo Cahn in Buenos Aires. Dort wurde, vermittelt von Cahn, der schon 1924 nach Argentinien ausgewandert war und etliche Werke von Stefan Zweig ins Spanische übersetzt hatte, am 7. Dezember 1942 die deutschsprachige Erstausgabe bei Pigmalión posthum als »Liebhaberdruck« veröffentlicht (vgl. Stefan-Zweig-Handbuch, Berlin 2018, S. 234).

 

Lili Lebach, Exilantin aus Wuppertal, hatte erst am 8. Juli 1942 die Buchhandlung Pigmálion eröffnet, die sich bis 1979 hielt. Eigentlich war es eine klassische Buchhandlung und die Veröffentlichung der Schachnovelle ein in vielerlei Hinsicht einmaliges Unternehmen, um die Verbreitung der Exilliteratur zu unterstützen (s. Hans-Willi Ohl, »›In diesem Land soll der gute Wind wehen …‹ – Lili Lebach und ihre Buchhandlung Pigmalión in Buenos Aires im Kontext des deutschsprachigen Exils in Argentinien«, in: Exil 42 (2023), 1/2, S. 63–88). Die Auflage war klein, nur 250 arabisch nummerierte Exemplare, auf deren vorderem Deckel ein kleines Schachspiel mit einem Zweig abgebildet ist. Zusätzlich erschienen 50 römisch nummerierte Exemplare einer in Leinen gebundenen Vorzugsausgabe bei János Peter Kramer, auch Buenos Aires. Die besonderen Umstände der Veröffentlichung sind in der Erstausgabe festgehalten: »Das Original dieses Buches wurde vom Verfasser wenige Stunden vor dessen Tod seinem Freund und Uebersetzer Alfredo Cahn zugeschickt …«, heißt es auf dem Vorsatz.

Das Marbacher Exemplar trägt die Nr. 163. Die Bibliothek ist sehr glücklich, es neben zahlreichen späteren Ausgaben, Übersetzungen und Bearbeitungen endlich in ihrem Bestand zu wissen, und dankt der Deutschen Literaturstiftung herzlich für die Unterstützung.

 

Katja Buchholz

 

Beitragsbild: DLA (Anja Bleeser).

 

Ein Kommentar auf “Das DLA hat die Erstausgabe von Stefan Zweigs ›Schachnovelle‹ erworben”

  1. […] September 1942: Erste gedruckte Ausgabe auf Portugiesisch in Rio de Janeiro (Deutsches Literaturarchiv Marbach) […]

kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise gemäß DSGVO.