Exkursionen ins Literarchiv: Dichtung bewahren und bearbeiten

Adela Sophia Sabban   Könntest Du das Seminar »Dichternachlässe« kurz beschreiben? Was gab den Anstoß dazu?

 

Marit Heuß   »Dichternachlässe« – der Seminartitel entfaltet in nuce den inhaltlichen Kern des Kurses, in dem wir uns theoretisch und praktisch mit der Geschichte literarischer Hinterlassenschaften und deren Archivierung beschäftigt haben (von den Privatarchiven der Goethezeit bis hin zur Herausbildung zeitgenössischer hypermoderner Archive, wie dem Deutschen Literaturarchiv Marbach). Es ist für die philologische Arbeit erkenntnisfördernd, wenn man weiß, an welchem Ort man die handschriftliche Quelle eines edierten Textes, aber auch Vorstufen und Varianten eines Textes und Schriften aus dem Umfeld der Textentstehung studieren kann. Daraus ergeben sich mitunter neue Perspektiven auf ein literarisches Werk.

 

ASS   Worin bestanden die Aufgaben der Studierenden? Mit welchen Erfordernissen war die Bearbeitung der Aufgaben verbunden?

 

 

MH   Das Seminar bestand aus einem literaturtheoretischen und einem praktischen Part. Während wir zunächst einschlägige zeitgenössische Literaturtheorien zu Fragen um Nachlass bzw. Vorlass sowie zu Dichterhandschrift und Manuskript rezipiert sowie literaturhistorische Positionen geklärt haben, wandten wir uns in der Praxis später exemplarischen nachgelassenen Schriften zu. Dazu durften wir an mehreren Exkursionstagen im Deutschen Literaturarchiv Marbach mit originalen Manuskripten arbeiten. Für die Studierenden gab es eine vom DLA geleitete Führung durch das Literaturarchiv und das umfangreiche Magazin. Außerdem arbeiteten die Studierenden mit mir gemeinsam im Handschriftenlesesaal des DLA, was selbstverständlich einen sensiblen Umgang mit den Originalen sowie die Kenntnis urheberrechtlicher Sachverhalte erforderte.

 

ASS   Wie war das Mitarbeiten der Studierenden beschaffen? Welche Vorteile hat diese Art der Lehrveranstaltung gegenüber einer ›normalen‹ Lehrveranstaltung?

 

 

MH   Selbstverständlich waren die Studierenden hoch motiviert, Archivluft schnuppern zu dürfen. Das Literaturarchiv ist neben der Universität ein Ort, an dem wissenschaftlich mit literarischen Texten gearbeitet wird – oft auch an der Schnittstelle zur Museums- und Verlagslandschaft. Studierende, die sich beruflich außerhalb von Universität und Schule weiterentwickeln wollen, können hier erste Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen. Literaturtheoretisches Wissen findet hier eine praktische Anwendung – das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber dem 90-Minuten-Seminar an der Universität.

 

ASS   Wie kann die Arbeit im Archiv die Wahrnehmung von Literatur und die Einschätzung des schriftstellerischen Arbeitens verändern?

 

 

MH   Hinter jedem publizierten Text, ob in Einzel- oder Werkausgaben, steht ein komplexer Entstehungsprozess, der sich oftmals über verschiedene Textfassungen mit Streichungen und Überarbeitungen erstreckt. Sogar in Notizen oder Briefen entdeckt man manchmal Vorstufen späterer literarischer Werke. Das zeigt nicht nur, wie langwierig künstlerische Arbeit sein kann, sondern auch die historische Verortung eines Textes wird sichtbar – etwa über Datierungen und Poststempel –, ebenso seine Situierung in konkreten literarischen Netzwerken (wie beispielsweise die Gruppe 47). Diese Wahrnehmung lässt Literatur noch einmal facettenreicher erscheinen, als sie es ohnehin schon ist.

 

Mit Marit Heuß sprach Adela Sophia Sabban.

 

Beitragsbild: DLA Marbach (Chris Korner).

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf: https://litseminar.hypotheses.org/306

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