»dies ist hans und das ist jochen«

Zu Peter Rühmkorfs SPD-Bekanntschaft zählten Kurt Beck, Freimut Duve, Björn Engholm und Heide Simonis. Man schickte sich zahlreiche Briefe, und gratulierte sich zu runden Geburtstagen oder Preisverleihungen. Die Widmung, die wir als Beitragsbild zeigen, ist allerdings kein Zeichen persönlicher Bekanntschaft oder gar Freundschaft Rühmkorfs zum Adressaten Hans-Jochen Vogel. Sie war, so berichtet Eva Rühmkorf, ein Beitrag zu der von ihr herausgegebenen Festschrift zu Vogels 60. Geburtstag. Diese Festschrift trug den Titel Vogelkunde und bestand aus einer handgefertigten Kassette, die die Originalbeiträge enthielt. »Geistliche und weltliche Würdenträger haben gereimt und gedichtet, Persönlichkeiten, die wir eher als Frauen und Männer des Wortes kennen, haben zu Zeichenfeder und Kleistertopf gegriffen. Andere wieder, auch solche, von denen wir wissen, daß sie die schönen Künste meisterlich beherrschen, haben Aufsätze und Essays geschrieben über Themen, die dir und ihnen wichtig sind.« So zitiert Eva Rühmkorf ihre Ansprache zur Übergabe der Vogelkunde am 3. Februar 1986 in ihrer Autobiografie Hinter Mauern und Fassaden (Stuttgart 1996).

 

Eva Rühmkorf hatte in den Jahren zuvor auf politischer Ebene häufig mit Hans-Jochen Vogel zusammengearbeitet, wurde sogar 1983 zur designierten Staatssekretärin für Frauenpolitik ernannt – ein Amt, das sie übernommen hätte, wenn Vogel und die SPD die Bundestagswahl im März des Jahres gewonnen hätten. Da ist es naheliegend, dass sie auch ihren Mann, der bekannt war für seine künstlerisch ambitionierten Widmungsgedichte, um einen Beitrag für die von ihr verantwortete Festschrift bat. Dass er sich gerne beteiligte, zeigt sich daran, dass er zur Illustration der gereimten Zeilen eine seiner Lieblingstechniken benutzte: Die Klecksografie. Und er gab sich große Mühe: Das im Rühmkorf-Nachlass im Deutschen Literaturarchiv archivierte Widmungs-Konvolut umfasst 18 Blatt, bestehend aus Textentwürfen für den Fünfzeiler und Skizzen für das Vogelpaar.

 

1998, anlässlich seines 70. Geburtstags, schickte Rühmkorf an zahlreiche Freunde und Bekannte einen Rundbrief, in dem er darum bat, ihm seine schönsten Widmungen und Mal-Gedichte zurückzusenden, weil er eine Veröffentlichung in einem Bildband (Von mir zu euch für uns, Göttingen 1999) plane. Hans-Jochen Vogel, der vor wenigen Tagen im Alter von 94 Jahren verstorben ist, scheint damals der Bitte gefolgt zu sein, denn sein Exemplar findet sich in dem Band abgedruckt auf S. 112. Rühmkorf hat das Schmuckblatt danach offensichtlich nie wieder aus der Hand gegeben, sodass es schließlich als Teil seines Nachlasses nach Marbach kam.

 

Vom 25. Oktober 2020 bis zum 1. August 2021 zeigt die Arno Schmidt Stiftung im Schiller-Nationalmuseum unter dem Titel ›Laß leuchten! Peter Rühmkorf – selbstredend und selbstreimend‹ eine umfangreiche Ausstellung zu Rühmkorfs Leben und Werk. Zentrales Element der Ausstellung ist der ›Raum der Gedichte‹, in dem zehn Gedichte Rühmkorfs in Großprojektionen inszeniert werden. Eine Auswahl weitgehend unbekannter Filmaufnahmen seiner Jazz-und-Lyrik-Programme aus mehreren Jahrzehnten ergänzt die Gedichtprojektionen. Themenstationen widmen sich wichtigen Aspekten in Schaffen und Leben des Dichters, stellen einzelne Werkphasen vor und erläutern sein poetisches Konzept. Eine fünfzig Quadratmeter große Wandinstallation verdeutlicht am Beispiel des Gedichts Selbst lll/88 Rühmkorfs aufwändigen Arbeitsprozess.

 

Christoph Hilse

 

Beitragsbild: Peter Rühmkorfs Widmungsblatt zu Hans-Jochen Vogels 60. Geburtstag. Foto: DLA Marbach.

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