Vom Finderglück, Lospech und Nervenkitzel an Messetagen

Endlich ist es wieder soweit! Im ersten Quartal des Jahres ist Antiquariatsmessenzeit. Das Messefieber steigt bereits, wenn im Dezember die ersten Messekataloge für das kommende Jahr veröffentlicht werden. Im Januar geht es in Ludwigsburg und Stuttgart los. Allein schon die Lektüre der Messekataloge ist in doppelter Hinsicht interessant. Dank der Recherchen der anbietenden Antiquariate lernt man immer etwas dazu, sowohl über die Literaturgeschichte als auch über die eigenen Bestände.

 

Marbach liegt günstig, nach Ludwigsburg und Stuttgart sind es kurze Wege. Wer sich für alte Bücher, Graphiken oder Handschriften interessiert und einmal auf der Antiquaria in der Ludwigsburger Musikhalle oder auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein war, den wird es immer wieder dorthin ziehen. Voller Sorgfalt und mit viel Liebe zum Detail aufgebaut, sind die Stände der ausstellenden Antiquariate in jedem Jahr ein Glück für alle Sammlerinnen und Sammler und natürlich für alle Bibliotheken auf der Jagd nach neuen Schätzen. Endlich ersetzt, angenehm altmodisch, das persönliche Gespräch die Kommunikation per E-Mail und den Kauf im Internet. Zuerst aber heißt es sich beeilen. Auch wenn das frühere ›Laufverfahren‹ – wer am schnellsten an den jeweiligen Verkaufsstand rennen konnte, hatte das ersehnte Buch sicher – schon lange durch das ›Losverfahren‹ abgelöst ist, sollte man am Eröffnungstag die Uhr im Blick behalten. Nur kurze 45 Minuten lang hat man Zeit, um für die im Katalog angebotenen Bücher Interesse zu bekunden und sich in die Liste eintragen zu lassen. Hat sonst niemand Interesse, kann man das Buch nach Ablauf der Zeit auf der Habenseite verbuchen. Gibt es aber mehrere Interessenten, wird gelost.

 

Wer Nervenkitzel mag, dem sei der Kauf auf Antiquariatsmessen wärmstens empfohlen. Man stelle sich vor: Über Wochen hat man im Katalog ein Buch im Auge, das seit Jahren nicht auf dem Markt war. Man hat mit viel Aufwand und ohne Ergebnis derzeit noch unerschlossene Sammlungen durchsucht und hofft, die Bestandslücke jetzt endlich schließen zu können. Dann passiert es: Man greift in den Lostopf und hält wahlweise eine zu hohe oder zu niedrige Zahl in den Händen, und jemand anderes erlost das Buch. Die Schokolade, die im Anschluss üblicherweise angeboten wird, ist in solchen Fällen ein eher schwacher Trost. So nah war man dran! Immerhin: So bleibt es in jedem Fall immer spannend, außerdem freut man sich umso mehr, wenn man dann doch Losglück hat.

 

›Rausch und Ekstase‹ hieß diesmal das Motto im wunderschönen Ambiente der Ludwigsburger Musikhalle. Die 39. Antiquaria war, wie immer, in sich stimmig, sehr gut organisiert und erfreute durch ein abwechslungsreiches Angebot.

 

Die 62. Stuttgarter Antiquariatsmesse präsentierte sich in diesem Jahr in einem neuen Gewand. Glasvitrinen prägten erstmals das Bild und ließen die Halle heller und frischer wirken als in früheren Jahren – eine gelungene Neukonzeption, die Lust auf mehr macht.

 

Im Rahmen der Messen konnten neun Bücher und ein Zeitschriftenband erworben werden, darunter ein Exemplar des im August 1838 in der Aschendorff‘schen Buchhandlung halbanonym erschienenen Erstlingswerks von Annette von Droste-Hülshoff: Gedichte von Annette Elisabeth v. D…. H….. Ihr heutzutage ausgesprochen selten aufzufindendes Debüt war damals für 25 Silbergroschen zu haben. Die Auflage war klein, sie bestand aus nur 400 Exemplaren. Verkauft waren 1844, als Annette von Droste-Hülshoff ihren zweiten Gedichtband bei Cotta veröffentlichte, lediglich 74 Stück. Die ersten Reaktionen ihrer Familie auf das Erscheinen waren überwiegend nicht gerade ermutigend. In einem Brief an ihre Schwester schreibt die Autorin am 29. Januar 1839: »Mit meinem Buche gieng es mir zuerst ganz schlecht …« Niemand aus ihrem Verwandtenkreis könne begreifen, wie sie sich habe »so BLAMIREN können«. Ihr zweiter Gedichtband sollte ungleich erfolgreicher werden als der erste.

 

Das Marbacher Exemplar ist nicht nur in besonders gutem Zustand, sondern enthält auch zwei Seiten Berichtigungen, die nur einem Teil der kleinen Auflage beigegeben wurden. »Jedermann sagt es sey so schwer Druckfehler aufzufinden, daher komme es, daß in allen Büchern welche stehn bleiben […], ich begreife es nicht, und habe diejenigen, so noch in den Bogen waren, beym ersten Blicke gesehn«, wundert sich Annette von Droste-Hülshoff im Brief vom 5. August 1838 an ihre Mutter.

 

Was wäre ein Erwerbungsjahr ohne Antiquariatsmessen? Viel ärmer an Nervenkitzel, guten Buchgesprächen und Finderglück. Schon kurz danach steigt wieder die Vorfreude auf das nächste Mal. Zum Glück muss man nicht allzu lange warten. Im März geht es mit der Antiquariatsmesse Leipzig weiter.

 

Herzlichen Dank an alle Organisatorinnen und Organisatoren und alle ausstellenden Antiquariate, auf Wiedersehen in Leipzig!

 

Katja Buchholz

 

Foto: DLA Marbach, Jens Tremmel.

 

Quelle: Annette von Droste-Hülshoff: Werke. Briefwechsel. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. III,2: Epen, Dokumentation. Bearb. von Lothar Jordan. Tübingen 1991.

kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise gemäß DSGVO.