All diese bekannten und unbekannten Menschen haben unseren Fragebogen mit zehn Fragen rund um Lesegewohnheiten und persönliche Lesemomente beantwortet.
30 Frauen und 30 Männer unterschiedlichen Alters, mit völlig verschiedenen (auch geographischen) Hintergründen haben uns erzählt, was sie lesen, wann sie lesen, wie sie lesen – oder was sie wann wie NICHT lesen. Sie haben erzählt, welche Leseerinnerungen sie haben, welche Autor/-innen sie gern zum Abendessen treffen würden und ob sie literarische Geheimtipps haben.
Nicht nur aus den Geheimtipps, sondern auch aus vielen anderen Antworten ist eine Art virtueller Bibliothek entstanden, die von Petrons Satyricon bis zu den ›Kleinen Trompeter-Büchern‹ https://de.wikipedia.org/wiki/Die_kleinen_Trompeterb%C3%BCcher und darüber hinaus reicht: Ein ganzes Kaleidoskop von Titeln und Themen ist da zusammengekommen, darunter eine große Zahl Sachbücher (u.a. Vampyroteuthis infernalis von Vilém Flusser und Louis Bec, eine essayistische Abhandlung über die Weltsicht eines Tintenfischs, Der große Bildatlas für Kinder, Das große Experimentierbuch für jung und alt von Leonard de Vries), ebenso Zeitschriften (u.a. Die Blaue, die genaue, mit der Mannschaftsaufstellung), jede Menge Comics, Piraten- und Pferdebücher.
Aus den hochinteressanten und sehr individuellen Antworten ist, ganz nebenbei, beinahe eine kleine Studie zum Thema Leseverhalten geworden, die es wert wäre, vertieft zu werden. Schon eine Kurzfassung liefert einige interessante Fakten:
- 18 der 60 Teilnehmer/-innen lesen mindestens zwei Bücher parallel, das sind 30 % der Befragten, einige davon lesen sogar drei und mehr Bücher gleichzeitig. Nur zwei Teilnehmer/-innen haben angegeben, gerade Lyrik zu lesen.
- Bei der Frage nach Leseerinnerung aus der Kindheit werden — vor Christine Nöstlinger mit 6 sowie Erich Kästner und Roald Dahl mit jeweils 3 Nennungen — Astrid Lindgren mit 9 und Otfried Preußler mit 8 Nennungen am häufigsten genannt. An das Vorlesenbekommen, ob von den Eltern oder der Oma, erinnern sich 9 Teilnehmer/-innen. (Sebastian Schwab erinnert sich außerdem noch an den Essensduft dabei: https://www.literatursehen.com/wp-content/uploads/2022/09/SebastianSchwab.pdf
- Es gab auch Bekenntnisse zum temporären Nicht-Lesen: Einige der 60 Teilnehmer/-innen gaben an, in ihrer Kindheit (7 Nennungen) oder als Teenager (5 Nennungen) kein besonderes Leseinteresse gehabt zu haben und erst später (wieder) zum Lesen gekommen zu sein.
- Für andere war im Teenageralter Hermann Hesse der beliebteste Autor (6 Nennungen); von diesen können allerdings drei Personen ihre damalige Faszination heute nicht mehr nachvollziehen. Auch zu anderen Büchern gehen einige Antworten mehr oder weniger ironisch auf Distanz: Enid-Blyton-Lektüren wie Dolly oder Hanni und Nanni sind in der Rückschau manchmal mit einem Gefühl der Scham oder Peinlichkeit verbunden.
- Als »lebensverändernde Lektüre« wurde drei Mal Der Fänger im Roggen von J. D. Salinger genannt. Ein Fünftel der Teilnehmer/-innen empfand jedoch nicht einzelne Werke als prägend, sondern die Erfahrung des Lesens selbst. Willi Weitzel erinnert sich an »eine Art ›Funktionsfreude‹. Als Siebenjähriger war ich begeistert, aus all den Buchstaben Worte und Sinn formen zu können«.
https://www.literatursehen.com/wp-content/uploads/2022/09/WilliWeitzel.pdf - Astrid Lindgren führt noch ein weiteres Mal die Liste an: Sie wird am häufigsten als Wunschgast genannt auf die Frage, welchen schreibenden Menschen aus Gegenwart oder Vergangenheit man gern zum Abendessen treffen würde (6 Nennungen); 4 Mal werden William Shakespeare und Friedrich Schiller eingeladen — Letzterer, natürlich, von drei Personen aus Marbach.
- Lesen braucht Zeit: Viele Teilnehmer/-innen lesen am liebsten mit freier Zeit am Sonntag oder abends bzw. vor dem Einschlafen. Den frühen Morgen präferieren dagegen fünf Personen explizit, eine Teilnehmerin hat es früher sogar geschafft, morgens vor der Schule zu lesen. https://www.literatursehen.com/wp-content/uploads/2022/09/FranziskaKunz.pdf
- Jahreszeitliche Präferenzen waren dagegen nicht auszumachen. Nicht nur der Winter ist Lesezeit; es scheint ebenso beliebt zu sein, im Winter gemütlich vor dem Kamin zu lesen wie im Sommer auf der Terrasse oder in der Hängematte.
- Apropos liegen: Mehr als die Hälfte der Teilnehmer/-innen lesen gerne auf dem Sofa, auf der Couch oder überhaupt im Bett (15 Nennungen). Und: Zur stimmigen Leseatmosphäre gehört oft auch ein Getränk (Kaffee oder Tee werden jeweils 8 Mal genannt). Geteilter Meinung ist man über die bevorzugte Lichtquelle (flackernde Kerzen vs. gute Leselampen) sowie die nötige Ruhe beim Lesen: Während Bärbel Stolz etwa sogar an der Supermarktkasse lesen kann, findet Linda Bulut das Lesen »in Hektik zwischen Tür und Angel […] respektlos«.
- Die meisten Teilnehmer/-innen sind sich bewusst, dass man nicht alle Zeit der Welt hat. So haben sie kein Problem damit, die Lektüre eines Buchs abzubrechen, wenn es nicht gefällt. Das jeweilige Seitenlimit dafür schwankt dabei zwischen 30 und 100 Seiten. Dass der Abbruch keine leichtfertige Entscheidung ist, merkt man auch daran, dass mitunter zugleich argumentiert wird, dass der richtige Zeitpunkt für just dieses Buch noch nicht da sei.
- Obwohl Pippi Langstrumpf mehrfach als literarische Identifikationsfigur genannt wird (und ein Mal Snoopy!), denken andere, dass man sich beim Lesen nicht den Figuren nahe fühlt, sondern dem »Kopf, dem sie entsprungen sind«. Auch der beschriebenen Welt, sogar einzelnen Sätzen oder der Sprache selbst kann man sich beim Lesen nahe fühlen.
Die Antworten unserer kleinformatigen und in keinerlei Hinsicht repräsentativen Umfrage zeigen eindrücklich, dass das Lesen von allen als eine bereichernde, sehr prägende Erfahrung empfunden und verstanden wird. Die ersten Lese-Erinnerungen — an das Leselernen, an die ersten eigenständigen Leseerfahrungen, an das Sammeln von Bücherreihen, an die Bücher selbst und sogar ihr Schriftbild — sind oft emotional gefärbt und/oder mit Erinnerungen an (vorlesende) Personen oder sogar an Gerüche verbunden. Später lassen sich der Akt des Lesens, die Auswahl der individuellen Lektüren und ebenso die bevorzugten Leseatmosphären mitunter auch als bewusste Statements lesen, sozusagen als self-fashioning durch das individuelle Leseleben. Persönlichkeitsbildend ist es ganz bestimmt. Dann kann das Lesen zur »große[n] Konstante« werden, »auch wenn sich mein Leben verändert«, wie Friederike Kempter schreibt. https://www.literatursehen.com/wp-content/uploads/2022/09/FriederikeKempter.pdf Und schöner als Enie van de Meiklokjes kann man es nicht zusammenfassen: »Das Lesen an sich ist eine lebensverändernde Erfahrung.« https://www.literatursehen.com/wp-content/uploads/2022/09/EnieVanDeMeiklokjes.pdf
Link:
https://www.literatursehen.com/projekt/literaturmuseumderzukunft/#about
Katharina J. Schneider