Schriftstellerinnen in der Bibliothek: Spaziergang durch einige Neuerwerbungen

Die Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs arbeitet kontinuierlich daran, Lücken im Bestand zu ermitteln und nach Möglichkeit zu schließen. Seit 2022 liegt dabei ein besonderer Schwerpunkt auf Erstausgaben von Schriftstellerinnen, die, historisch bedingt, in fast allen Sammlungen unterrepräsentiert sind. Mit Hilfe von Bibliografien wie Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts von Elisabeth Friedrichs (1981) und einer parallelen Sichtung des antiquarischen Marktes konnten im laufenden Jahr bislang 323 Titel ergänzt werden. Die Werke vieler Schriftstellerinnen sind antiquarisch nur selten zu finden. Bei der Recherche muss daher immer wieder neu angesetzt werden. Die Ermittlung von Namen aus Bibliografien ist dabei ein erster Schritt, der die Recherche nach Werken überhaupt erst möglich macht. Teils wurden Erstausgaben von Schriftstellerinnen ergänzt, die als Autorinnen im Bibliotheksbestand zwar schon vertreten waren, deren Werke aber bisher nicht vollständig vorhanden sind, z.B. Ida Boy-Eds Alter Haß und alte Liebe (um 1916), teils wurden Werke von Schriftstellerinnen gekauft, die als Autorinnen noch gar nicht oder nur mit Zeitschriftenbeiträgen, Reprint- oder Mikrofiche-Ausgaben im Bestand vertreten waren, z.B. Henry [eigentlich Henriette] Perls Novellen (1877).

 

Unter den erworbenen Titeln ist auch der Roman Der Günstling (1808). Hinter der Angabe »Von der Verfasserin von Gustavs Verirrungen und der Honigmonathe« verbirgt sich Caroline Auguste Fischer, die in ihren Werken ein sehr fortschrittliches Frauenbild vertrat. Zweimal geschieden und gezwungen, ihren Sohn Rudolf bei ihrem ersten Mann aufwachsen zu lassen, reflektierte sie die Geschlechterkonflikte ihrer Zeit in ihren Werken und kritisierte die eingeschränkten Möglichkeiten für Frauen, selbst über ihren Lebensweg zu entscheiden. In Erstausgaben äußerst selten zu finden, kann Caroline Auguste Fischers Werk immerhin seit den 1980er Jahren in Reprint-Ausgaben wiederentdeckt werden. Unter den ergänzten Theaterstücken findet sich, etwas versteckt, da an Die Tapetenwand von Julius von Voss (1809) angebunden, Band 1 der Sämmtlichen theatralischen Werke von Elise Bürger (weitere Bände erschienen nicht), mit ihrem Schauspiel Das Bouquet sowie Die Heirathslustigen, ein Nachspiel (1801). Nach ihrer Scheidung von Gottfried August Bürger 1792 musste Elise Bürger selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen und begann, als Schauspielerin und Deklamatorin, ab 1799 auch als Schriftstellerin zu arbeiten. Ihre Engagements führten sie u.a. nach Bremen, Hannover und Weimar, wobei sie sich als schuldig geschiedene Frau gegen viele Vorurteile behaupten musste. Unter den erworbenen Lyrikbänden sind u.a. die Gedichte von Caroline von Terlago (1875), ihr von Naturlyrik geprägter erster Gedichtband.

 

Auch einige essayistische Publikationen von Autorinnen wurden ergänzt, wie z.B. die Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens von Hermine Cziglér von Vecse-Cappilleri (1885), die auf den Seiten [167]-199 unter der Überschrift »Das Drama von seinem Ursprunge bis auf die Jetztzeit« u.a. über Friedrich Schiller schreibt. 1840 in Pest geboren, veröffentlichte Hermine Cziglér von Vecse-Cappilleri zunächst Gedichte, bevor sie journalistisch tätig war und die Wochenschrift Fata Morgana gründete.

 

Außerdem kamen auf dem Gebiet der Reiseliteratur Bücher dazu, so z.B. die Reisebilder aus dem Libanon von Hedwig von Hohnhorst (1884). »Um den vielseitigen, dringenden Aufforderungen nachzukommen, Einiges von meinen interessanten Reisen im Oriente zu erzählen, habe ich in den vorliegenden ›Reisebildern aus dem Libanon‹ ein Gebiet geschildert, welches noch wenig bekannt, und wohl noch niemals von einer deutschen Dame in ganz selbstständiger Weise bereist worden ist«, schreibt sie in ihrem Vorwort. Zu Pferd und mit einer Reisekarawane ausgestattet war sie fünfzig Tage lang unterwegs.

 

Neben Erstausgaben wurden auch einige Übersetzungen von Autorinnen ergänzt, darunter Anakreons Gedichte in der deutschen Version von Etta Federn-Kohlhaas, die sich, 1883 in Wien geboren und seit 1905 in Berlin lebend, aufgrund massiver Anfeindungen schon 1932 gezwungen sah, Deutschland zu verlassen und nach Barcelona zu emigrieren, wo 1935 ihre Anakreon-Übersetzung erschien. Daneben wurden auch Übersetzungen von Werken von Schriftstellerinnen erworben, u.a. eine illustrierte Ausgabe von Frederick the Great and his family von Luise Mühlbach (New York, 1867), »translated from the German, by Mrs Chapman and her daughters«. Luise Mühlbach, zu ihrer Zeit sehr erfolgreich und bekannt, kam auch in den USA gut an. 1867 erschien neben der deutschen Ausgabe bei Costenoble mit Marie Antoinette und ihr Sohn ein weiterer ihrer historischen Romane in New York als Nummer 1 der Reihe Appleton’s Illustrirte Deutsche Roman-Bibliothek. Auch diese Ausgabe konnte in diesem Jahr erworben werden. Ein vorgebundenes Werbeblatt des Verlags informiert über die Ziele der Reihe: »Sie wird […] in rascher Aufeinanderfolge die gediegensten Werke der modernen historischen Romanliteratur Deutschlands in handlicher Form, in einer Ausstattung, die den Vergleich mit den Original-Ausgaben in keiner Weise zu scheuen braucht, und vor denselben noch den Schmuck schöner Illustrationen voraus hat, und zu einem Preise, der auch dem Unbemittelsten die Anschaffung der ganzen Serie möglich macht, liefern.«

 

Während manche Schriftstellerinnen seit 2022 immer wieder mal auf dem Markt auftauchten und mehrmals ergänzt werden konnten, war der Kauf bei anderen ein einmaliges Vergnügen. So konnten z.B. von Mathilde von Stambke bislang nur die Erzählungen Blüthen einsamer Stunden (1837) erworben werden, im Marbacher Exemplar angebunden an Amelie Godins (Pseudonym von Amélie Linz) Historische Novellen (1863). Über Mathilde von Stambke ist kaum etwas bekannt. Elisabeth Friedrichs verzeichnet lediglich ihr Geburtsjahr 1801.

 

Mit jedem Buch wird der Beitrag der Schriftstellerinnen zur deutschsprachigen Literaturgeschichte in den Bibliotheksbeständen sichtbarer. Die Suche geht in den nächsten Jahren weiter. Viele Schriftstellerinnen warten noch darauf, in den Bibliotheksbestand aufgenommen zu werden. So konnten z.B. von Caroline Balkow, Johanna Broekel, Julie Diamantidi (Pseudonym Julius Damati) oder Minna Kleeberg bislang mangels Angebot keine Bücher erworben werden. Sollte jemand auf ihre Werke stoßen, freut sich die Erwerbung über Hinweise! Herzlichen Dank an all unsere wunderbaren Lieferanten im Antiquariatsbuchhandel, die uns bei unserer Suche unterstützen.

 

Katja Buchholz

 

Beitragsbild: Eine kleine Auswahl aus den Neuerwerbungen von Schriftstellerinnen. Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser).

 

Quellen

Etta Federn-Kohlhaas, Revolutionär auf ihre Art: von Angelica Balabanoff bis Madame Roland. 12 Skizzen unkonventioneller Frauen. Hrsg. von Marianne Kröger. Gießen 1997.
Elisabeth Friedrichs, Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein Lexikon. Stuttgart 1981.
Clementine Kügler, Caroline Auguste Fischer (1764–1842). Eine Werk-Biographie. Berlin 1989.
Sophie Pataky, Lexikon deutscher Frauen der Feder: eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Berlin 1898 [in 2 Bänden].
Michael Rüppel, »›Was sagen Sie von Mme Bürger?‹ Elise Bürger (1769–1833) als Schauspielerin und das Theater zur Zeit der ›Weimarer Klassik‹«, in: Hans-Joachim Kertscher (Hrsg.), G.A. Bürger und J.W.L. Gleim. Tübingen 1996.
Cornelia Tönnesen: »›Überhaupt hat sie eine kecke, ungezügelte Phantasie.‹ Luise Mühlbach (1814–1873)«, in: Karin Tebben (Hrsg.), Beruf: Schriftstellerin. Schreibende Frauen im 18. und 19. Jahrhundert. Göttingen 1998.
Christine Touaillon, Der deutsche Frauenroman des 18. Jahrhunderts. Wien/Leipzig 1919.

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