Da überrascht es nicht, dass ein Comic immer wieder zur Sprache kam: Art Spiegelmans Holocaust-Comic MAUS, der als erster Comic den Pulitzer-Preis gewann und als einer der vermutlich einflussreichsten Comics in der Geschichte der Bilderzählungen immer wieder als Referenz und Beispiel herangezogen wird. Doch Art Spiegelmans Mäuse waren nicht die einzigen spitzschnauzigen Nagetiere, die im Laufe der zwei Tage vorkamen. Die Comic-Künstlerin Anna Haifisch las am Abend des ersten Konferenztages aus ihrem Comic Residenz Fahrenbühl (Spector-Verlag), einer Künstlerresidenz, die von zwei Mäusen bewohnt wird, den »Mice in Residence«. Ihre Lesung unterlegte Anna Haifisch mit Musik, und das Publikum konnte die Geschichte Panel für Panel an der Leinwand mitverfolgen. Von Lorenz Wesemann auf ihre tierischen Protagonist/-innen angesprochen erwiderte Haifisch: »Braucht’s immer! Es braucht immer irgendwo ne Maus!«
Im Laufe der Tagung besonders unter die Lupe genommen wurde die etwas mehr als 600 Bände umfassende Comicsammlung des Literaturarchivs Marbach. Anna Kinder und ihre Kolleg/-innen aus dem DLA versprachen sich von der Tagung nicht nur aktuelle Einblicke in die Forschung zum grafischen Erzählen, sondern auch Anregungen für die systematische Erweiterung und Schwerpunktsetzung ihrer Comicsammlung. Derzeit ist das Sammlungsprogramm um Comics und Graphic Novels nach deren Verhältnis zur Literatur ausgerichtet: Comics mit offensichtlichem Bezug zu literarischen Texten, etwa in Form von Literaturadaptionen oder von literarische Autor/-innen, sind in der Sammlung vertreten. Andreas Platthaus, renommierter Comicexperte und Literaturchef der FAZ, nahm seinen Einführungsvortrag zum Anlass, das DLA auf Meisterwerke des Erzählens in Bildern hinzuweisen, die über diese enge Definition hinausgehen und trotzdem – oder gerade deshalb – dringend in ein Literaturarchiv gehören. Und auch auf die Frage, was genau gesammelt werden sollte, ging Platthaus ein: Noch etwa zehn Jahre lang gebe es die große Chance, unikale Zeichnungen und Manuskripte sowie Vor- und Nachlässe deutscher Comic-Künstler/-innen zu erwerben, die auf dem deutschen Markt nicht viel kosteten, die Comicschaffende aber dringend untergebracht wissen wollten. Diese Chance müsse das DLA nutzen. Seinen Vortrag beendete Andreas Platthaus mit der Schenkung zweier Originalseiten aus Introducing Kafka (1993) von Robert Crumb an das Literaturarchiv und lieferte so gleich den Grundstein für die Umsetzung seines Sammlungsappells mit.
Eine schöne Ergänzung zu den wissenschaftlichen Vorträgen und anregenden Diskussionen war die Ausstellung einiger Comic-Hefte, die von einer Klasse Illustrationsstudierender der Hochschule für Kommunikation und Gestaltung Stuttgart erstellt wurden. Gemeinsam mit der Anwesenheit der Ersteller/-innen des Webcomics Djil.de ergaben sich so mehrere Möglichkeiten für die Forschenden und Mitarbeiter/-innen des DLA, mit Comic-Künstler/-innen auf verschiedenen Erfahrungsniveaus ins Gespräch zu kommen.
Am Ende der Tagung waren sich viele Teilnehmende darin einig, dass die bisherige Sammlungsstrategie des DLA in Bezug auf Comics zu kurz greift. Es bleibt spannend zu sehen, wie das Deutsche Literaturarchiv die vielfältigen Impulse der Tagung in Richtung einer weitergefassten und großzügigeren Sammlungsstrategie für Comics nutzen wird, um seine Comicsammlung weiter auszubauen und so einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung eines bedeutenden bilderzählerischen Bestands für die Nachwelt zu leisten.
Marie Yvonne Müller (Montreal)
Beitragsbild: Foto DLA Marbach (Jens Tremmel).
Bilder im Beitrag: Marie Yvonne Müller (Montreal).