Als Marie Luise Kaschnitz starb, war sie in Italien. Sie starb im Oktober 1974 innerhalb weniger Tage an Lungenentzündung. In Nachrufen wurde der Schriftstellerin und ihres umfangreichen, vielfach ausgezeichneten Werkes gedacht. Ich mochte ihre Gedichte, ihre Kurzgeschichten, ihre autobiografischen Erzählungen, mit zunehmendem Alter immer mehr. Aber als Kind war ich vor allem gerne zu Besuch bei der Patentante in ihrer Frankfurter Wohnung in der Wiesenau. Privat war sie hier ›Tante Leu‹. Der Name passte zu ihrer Löwenmähne, dem vollen gewellten Haar, den buschigen Brauen über den ausdrucksvollen Augen. Ich hätte mich bei den Gesprächen der Erwachsenen sicher gelangweilt. Aber das wusste die Patin zu verhindern. Denn nach ein paar Minuten des Gedankenaustauschs zog sie mit den Worten »Nun wollen wir aber mal spielen« das Scrabble aus dem Schrank. Es waren magische Worte. Ab jetzt wurde es schön. Wir saßen zusammen an dem antiken Teetisch und vertieften uns in das Brettspiel. Ich bezweifle, dass dabei Buchstabenwerte gezählt oder sonstige Gewinn-Verlust-Regeln beachtet wurden.
Einige Jahre später, ich war um die 17, war es ein Griff ins Bücherregal, mit dem sie mir weiterhalf. Ich wollte nach dem Abitur ausziehen und Germanistik studieren. Doch diese Idee, verbunden mit Geld für ein Studentenzimmer, wurde zuhause zunächst abgelehnt. Tante Leu fand das nicht richtig. Aber sie prüfte, ob denn genug Talent für das Sprach- und Literaturstudium vorhanden wäre. Aus dem ersten Textband Welt in Worten – Deutsche Literatur in Themenkreisen legte sie mir eine Geschichte von Peter Bichsel vor. Der 1935 geborene Autor war damals ein noch junger Schriftsteller. Der Text Der Milchmann beschreibt den Kontakt zwischen diesem und seiner Kundin Frau Blum. Beide können sich nur über Zettel verständigen und treffen sich nie persönlich. Denn die frische Milch wird schon frühmorgens um vier vor die Tür gebracht, während die Kundin noch schläft. Was soll diese Schilderung wohl bedeuten? fragte Tante Leu die Studienaspirantin. Das Nebeneinanderher, das Anonyme in der heutigen Gesellschaft, so in etwa lautete die Antwort. Tante Leu war es jedenfalls zufrieden. Sie klappte das Buch zu und setzte sich für meinen Studienwunsch ein. Das Salär wurde bewilligt.
L.R.
Beitragsbild: Marie Luise Kaschnitz 1945/46 in Bollschweil. Foto: DLA Marbach.
2 antworten auf “Zum 50. Todestag von Marie Luise Kaschnitz. Kindheitserinnerung an eine liebevolle Löwin”
…schön, dass das PatenKind von ihren Momenten mit MLK erzählt – am heutigen TodesTag! Schön, dass *Marbach* so menschlich gedenkt!
An welchem OktoberTag genau war der verhangene HerbstTag im Hof des FamilienGutes in Bollschweil, als der Sarg mit MLK im Hof unter den hohen Bäumen stand aufgebockt,
mit der bronze scheinenden Plakette auf dem Deckel, einfach Name des Menschen, ausgehaucht 10.10.1974 – überraschend.
Ein Jahr vorher suchte sie nach ihr in Rom: Ingeborg Bachmann tot. An ihren Neffen dachte sie – schmerzlich…
Namhafte Menschen sprachen um den Sarg – zu ihr, gingen in einem Zug an den Gewächshäusern vorbei hinter dem Sarg zum OrtsFriedhof. Der Professor aus der Schweiz sprach als der Pastor. Erinnerlich das Beten, Bitten um Vergebung von ihr, zu ihr hin.
Es fing an dunkel zu werden: im Haus Treffen, Essen, Trinken. Noch mal vor dem Grab. Eine Schicht Erde schon. Der FriedhofsGärtner tat den Dienst. Ein ErdBocken zu Hause von da eine Zeit lang.
Wie sie bereit war, in der Wiesenau Texte durch zu sehen und zu besprechen, das zu Ende war, wir gingen die Treppen auf die Straße, sie zu einem Treffen, ich zum Bahnhof. Oktober 1962.
…dass sie Zeit hatte!
Sehr geehrter Herr Goldberg, haben Sie vielen Dank für Ihre netten und schönen Worte und Ihre Erinnerungen, die uns sehr freuen!