Transatlantischer Bücherverkehr 1: Kurt Pinthus und Hilde Domin

»Das Buch ist heraus, ich widmete Ihnen ein Exemplar, das gewiss schon schwimmt.«((Hilde Domin an Kurt Pinthus, 14. April 1962, in: DLA Marbach, A: Pinthus, Kurt.)) Mit diesen Worten informierte die vor allem als Lyrikerin bekannt gewordene Hilde Domin Kurt Pinthus im April 1962 über die Sendung ihres Gedichtbandes Rückkehr der Schiffe (1962). Sehr wahrscheinlich bezog sie sich dabei auf das abgebildete Exemplar, das noch heute in Pinthus’ Bibliothek überliefert ist.

 

Als der Brief entstand, befand sich Hilde Domin nach Jahrzehnten des Exils sowie der Emigration wieder in Deutschland, genauer: in ihrem alten Studienort Heidelberg. Dass die Gedichte Pinthus’ wohlbehalten in New York erreichten, dass er sie wahrnahm und damit im besten Fall auch andere, war für sie von außerordentlicher Wichtigkeit. Darauf deuten zumindest die Briefe hin, die das Widmungsexemplar flankierten und die heute im Nachlass des Publizisten im Deutschen Literaturarchiv Marbach zugänglich gemacht werden.

 

Selbst relativ spät zum Schreiben beziehungsweise zum Veröffentlichen gekommen, betrat Hilde Domin das literarische Feld der Nachkriegszeit durchaus ambitioniert. In ihre Texte hatte sich die Exilerfahrung ebenso eingeprägt wie in ihren Künstlerinnenname ›Domin‹, den sie nach dem Inselstaat wählte, der ihr von 1940 bis 1954 Pass und Obhut bot. Auch Rückkehr der Schiffe ist Ausdruck der (Zu-)Flucht als existentieller Erfahrung; es ist ein »Buch der Heimkehr, wenn man weiss, dass es kein Zuhause geben kann und es trotzdem staunend annimmt«.((Hilde Domin, hier nach: Marion Tauschwitz, Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie, Springe 2015, S. 388.)) In der literarischen Öffentlichkeit stieß Domin mit dieser leisen Hoffnung im Horizont des Vergeblichen durchaus auf Erfolg – hinter den Kulissen des Literaturbetriebes jedoch auch auf die Ressentiments, die viele Remigrant/-innen nach 1945 beschrieben haben. Die Graben- und Verteilungskämpfe um symbolisches Kapital registrierte Domin in ihren Briefen genau. Sie erkannte, welche Akteure und Medien einen Unterschied machten und dass es vor allem darauf ankam, sich klug im Feuilleton zu platzieren. 

 

In diesem Zusammenhang setzte sie auch auf den Namen Kurt Pinthus als einem Pfund, mit dem man wuchern konnte: »Es ist eine Ehre für mich, dass ein solcher Patriarch unter den Lyriklesern mein Bändchen besprechen will. Ich schätze das sehr. Wenn es dabei nicht bei der Absicht bleibt.«((Hilde Domin an Kurt Pinthus, 14. Mai 1962, in: DLA Marbach, A: Pinthus, Kurt.))

Hilde Domin: Dominikanischer Ausweis, Juni 1946.

Ganz konkret ging es Domin dabei um eine Rezension von Rückkehr der Schiffe, die möglichst zeitnah nach der Publikation in der Zeit – dem »wichtigste[n] Forum«((Ebd.)) – erscheinen sollte und die Pinthus ihr im Vorfeld zugesagt hatte. Über die konkrete Art der Besprechung hatte Domin sehr exakte Vorstellungen, die sie ihrem Briefpartner wiederholt entfaltete: Tunlichst vermieden werden sollte etwa eine zu starke Nähe zur kabarettistisch wahrgenommenen Lyrik Mascha Kalékos, würdigende Seitenblicke auf Domins eigene Prosa waren hingegen sehr gewünscht. Darüber hinaus versuchte die Lyrikerin auch den Erscheinungstermin der Rezension zu koordinieren, denn sie fürchtete einerseits eine zeitgleiche Besprechung von Pinthus der Rabinal-Übertragungen ihres Ehemannes Erwin Palm und andererseits eine Verzögerung durch Pinthus’  anderweitige literaturkritische Verpflichtungen. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht ein Brief vom Mai 1962, der die Lebenden und Toten in Pinthus literarischem Netzwerk gegeneinander aufwiegt:


»Nun höre ich heute mit Entsetzen, dass Sie noch beim Hasenclever seien. […] Bitte, bitte behalten Sie im Auge: Hasenclever ist lange tot. Sein Ruhm ist gesichert. Aber die arme Hilde Domin verliert ihr Prestige, wenn die Zeit ihr Buch nicht bald bespricht.«((Ebd.))


Indem sie dergestalt auf die Aufmerksamkeitsökonomie im literarischen Feld Einfluss nahm, erwies sich Hilde Domin als geschickte Steuerfrau ihrer eigenen Agenda und Autorschaftskybernetik. Ihre eindringlichen Apelle demonstrieren indes auch, welche Stellung und Wirkmacht Kurt Pinthus in den 50er- und 60er-Jahren noch von der US-Ostküste aus hatte. Gut vernetzt mit Wissenschaftler/-innen und Repräsentant/-innen des literarischen Lebens war er nicht nur ein ›Choreograf‹ des Expressionismus, sondern auch ein zentraler Akteur der westdeutschen Nachkriegsliteratur.


Domins Bitte um die versprochene Rezension kam Pinthus schließlich mit seinem Zeit-Artikel Die Schiffe können wiederkommen nach, in dem er Domin als zur Reife und lyrischen Stringenz gekommenen Dichterin adelte.


Sarah Gaber


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Beitragsbild: Hilde Domin, Rückkehr der Schiffe, Frankfurt a.M. 1962. Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser).

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