Der Wunsch, Rilke nahe zu sein und sich mit ihm und auszutauschen, ist auch heute noch groß – nach der Lektüre seiner Werke, in Auseinandersetzung mit dem, was man persönlich an Rilke schätzt, problematisch findet oder durch den Ausstellungsbesuch neu über ihn entdeckt hat. So ist auf einer der Karten der Vorschlag zu lesen: »Warum Rilke nicht auch mal gegen den Strich lesen, positiv umgekehrt …? Kann man doch heute mehr denn je gebrauchen, oder?« Unser Museumsgast macht sogleich vor, wie sich das lesen würde, und verändert Rilkes Verse aus der ersten Duineser Elegie »Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang« zu »Alles Schreckliche ist nur der Anfang des Schönen …«.
Solche zeitgenössischen Aktualisierungen sind kein Einzelfall. Auch Der Panther erscheint auf einer anderen Karte in neuem Gewand und thematisiert nun nicht mehr die müde, gleichsam betäubte, aber dennoch grazile Großkatze hinter den Käfiggittern im Jardin des Plantes, sondern richtet sich in einem emphatischen Aufruf an die Leserinnen und Leser: »Befreie den Panther in dir! Durchtrenne die Stäbe. Werde aktiv und nehme dein Leben in die Hand.« Auch Anspielungen auf die Verse »Du mußt dein Leben ändern« aus dem Archaischen Torso Apollos sind zu vernehmen – »Du musst dein Ändern leben«, wie ein Besucher formuliert.
Aus den unterschiedlich beschriebenen, bedichteten und bemalten Karten entsteht ein vielfältiges Sammelsurium, quasi ein Best-of der beliebtesten, markantesten, schönsten Rilke-Verse, um die sich oft persönliche Erinnerungen ranken: »Auch wenn ich mich nicht an viel Glorreiches in den Deutschstunden meiner Schulzeit erinnern kann, war und ist das Gedicht Der Panther von Rainer Maria Rilke immer noch mein Lieblingsgedicht. Vielleicht kommt es tatsächlich noch gerahmt an die Wand.« Da wird sich erinnert, wie ein Schulkollege »stammelnd« und unter dem »strengen Blick des Deutschlehrers« das Gedicht Herbsttag rezitieren musste, oder wie bei der Abiturfeier in einer Rede der Aufruf »Wolle die Wandlung« aus dem zwölften der Sonette an Orpheus zitiert und von da an »maßgebend für mein Leben« wurde. Ein achtjähriges Mädchen schreibt: »Lieber Rilke, das Gedicht: Herbsttag, habe ich auswendig gelernt weil ich es so schön fande. Ich habe es aus einem kleinen Büchlein mit vielen Herbstgedichten.« Bei eben jenem Gedicht überkommt eine Besucherin »Staunen und Überraschung wie solche Worte gelingen können … ›Herr: der Sommer war sehr groß …‹«. Und sie fragt: »wie kommt man auf solche Poesie?«
Stellungnahmen zu Rilkes Dichtkunst sind fester Bestandteil dieser brieflichen Annäherung an den Autor. So schreibt eine weitere Besucherin ihrem »Lieblingsdichter Rainer Maria Rilke«: »Vielen Dank für diese, deine Gedichte. Die Sprache, die Bilder, die Farben, die Bewegung, die Zeitlosigkeit, … für Alles«. In einem anderen Brief heißt es: »Hallo Rainer! Deine Sprache ist oft wie Zeichnen mit Gefühlen, derer ich mir beim Lesen bewusst werde; ein interessiertes Erleben. Danke.« Im Sinne der Briefe an einen jungen Dichter nähert sich ein anderer Museumsgast Rilkes poetischem Selbstverständnis: »Toll, dass du nicht nach Antworten suchst, sondern in sie hineinleben willst. Das ist auch noch heute von großer Bedeutung. Du bist auch heute noch präsent, weil deine Themen sich in unserer Welt wiederholen. Beschleunigung. Nervosität … Man fühlt Halt durch dich!« Obwohl Rilke Themen behandelt, die von zeitloser Relevanz sind, zeigen manche Karten, dass gewisse Fragen offen bleiben: »Begierig und erregt dringe ich / in die Worte Rilkes ein / und bleibe doch vereinzelt / in einem tiefen Rätsel verfangen.«
Häufig jedoch steht bei Rilkes Leserinnen und Lesern der Dank »für den Trost und das Verständnis« im Mittelpunkt. Der eine oder die andere hätte Rilke auch gern einmal persönlich getroffen. Das zeigt: Rilke berührt die Menschen auf einmalige Weise, nämlich so, dass sie sich auch selbst öffnen: »Bei all den schönen Zeichnungen und Briefen, die hier aufgehangen sind, weiß ich gar nicht, was ich schreiben oder malen soll. Mir war es aber danach, etwas zu schreiben.« Oder: »Lieber Rilke, ich habe eigentlich gar nichts zu sagen, aber du hast mich inspiriert, wenigstens das aufzuschreiben.«
Darüber hinaus befassen sich manche Karten auch mit Rilkes Lebenswandel. Zum Beispiel wird die u.a. durch seinen Parisaufenthalt bedingte Trennung von seiner Tochter Ruth kritisch kommentiert: »Feine Verse, aber … beim ›nächsten Mal‹ vielleicht die Tochter nicht v.a. ›brieflich‹ aufziehen!« Daneben sind vielfach Rilkes Geldprobleme Thema, sei es als Ausdruck des Bedauerns (»Ich hätte Dir ein ›einfacheres‹ Leben gewünscht«) oder der Sorge (»ohne freundlich gesinnte zahlungskräftige Zeitgenossen, die Reisen, Essen, Unterkünfte … oh je, was wäre aus Rilke geworden?«). Die Einschätzung, Rilke habe das Bitten zur Perfektion gebracht, findet sich ebenso wie die Bezeichnung »Betteldichter«. Letzteres kommentieren die Besucher auch mit einem Augenzwinkern: »PS: Send some money«. In Anlehnung an ein Briefzitat Rilkes – »niemand, niemand […] ist auf der Welt, der meine Adresse nicht haben sollte«1 – kommentiert eine Karte: »Ein jeder sollte meine Adresse haben! Meine Kontonummer natürlich auch!!« Auch die Frauen in Rilkes Leben rücken in den Mittelpunkt: »ein armer Künstler reist durch die Welt und schreibt. Nur, was wäre aus ihm geworden ohne die vielen Frauen? Ein Gruß an sie, die Rilkes Schaffen mit ermöglichten.«
Insgesamt erscheint Rilke in vielen Facetten seiner Persönlichkeit: »Rilke. Genie und Schnorrer. Beziehungsunfähig und Herzensbrecher. Lebensunfähig und unsterblich. Freigeist und Grenzgänger. Trotzdem liebe und verehre ich ihn seit meiner Jugend.« Auf einer anderen Karte steht: »Mit Rilke leben heißt immer: überrascht zu werden. Ich bleibe neugierig!« Sich mit dieser Offenheit dem Phänomen Rilke zu nähern, ist dabei wohl einer der besten Wege für eine produktive Auseinandersetzung mit seinem Leben und Schreiben, das im Querschnitt der Besucherpost als lebendiger Diskursraum literarischer Öffentlichkeit erfahrbar wird.
Lorenz Paul Schmitt
Beitragsbild: Simon Busse Studio (Thomas Arns).
- Rainer Maria Rilke an Claire Goll am 24.7.1923. In: »Ich sehne mich sehr nach Deinen blauen Briefen.« Rainer Maria Rilke / Claire Goll: Briefwechsel. Hrsg. von Barbara Glauert-Hesse. Göttingen 2000, S. 42.[↩]