Dieser von Sarah Schnitzler (DLA) und Angelika Zirker (Eberhard Karls Universität Tübingen) konzipierte Workshop brachte am 20. und 21. März Forscher/-innen aus dem In- und Ausland digital zusammen, um das kreative Schreiben aus verschiedensten Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Herangehensweisen zu analysieren. 14 Expert/-innen präsentierten ihre Forschung und deren Ergebnisse im Bereich der Fanfiction und diskutierten darüber.
Die Veranstaltung wurde von Natalie Maag, Leiterin der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs, eröffnet. In ihrer Begrüßungsrede betonte sie, dass das Interesse von Archiven und Bibliotheken nicht nur analogen, sondern auch Internetquellen gelten müsse. Gerade die Flüchtigkeit der netzbasierten Quellen erfordere entschlossenes Handeln. Im Anschluss daran gab die Literaturwissenschaftlerin Angelika Zirker von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen eine thematische Einführung in die Fanfiction-Forschung: Anhand des Gedichts The Passionate Shepherd to His Love des englischen Dichters Christopher Marlowe aus dem Jahr 1599 sowie der kurz darauf erschienenen literarischen Replik The Nymph’s Reply to the Shepherd verdeutlichte sie, dass die kreative Auseinandersetzung mit bestehender Literatur keineswegs nur ein Phänomen der modernen Literaturgeschichte ist.
Die anschließenden wissenschaftlichen Beiträge gliederten sich thematisch in fünf Panels: ›Fanfiction‹ und Archiv I und II‹, ›Fanfiction und der Kanon I und II‹ sowie ›Fanfiction und Online-Plattformen‹. Zu Beginn sprachen Sarah Schnitzler und Jochen Walter, die am Deutschen Literaturarchiv Marbach tätig sind und sich mit der Archivierung von Fanfiction sowie der Katalogisierung von digitaler Literatur befassen, über den archivarischen Zugang zum Material und hoben die Besonderheiten und Schwierigkeiten der Archivierung von digitaler Fanfiction hervor: Das Konzept ›Fanfiction‹ ist als komplexe, soziale, kollaborative, subversive Praxis im stetigen Fluss – weswegen nicht nur der reine Text, sondern auch das ›Look and Feel‹ der digitalen Literatur mitzudenken.
Im Laufe des ersten Workshoptages wurden unter anderem über Vladimir Nabokov späten Romanentwurf The Original of Laura (Dying is Fun) gesprochen, dessen fragmentarische Struktur Fans dazu anregt, eigene Karteikartentexte im Stil Nabokovs zu verfassen. Ein weiterer Vortrag widmete sich dem Thema der Holocaust-Fanfiction. Diese wird aufgrund ihres sensiblen historischen Hintergrunds einerseits kontrovers diskutiert, sie kann andererseits aber auch dazu beitragen, die Erinnerung an die Vergangenheit zu bewahren und einem zeitgenössischen Publikum zugänglich zu machen. In einer Vorstellung des GOLEM-Projektes wurde erläutert, welche Möglichkeiten eine Datenbank bietet, in der beispielsweise narrative und stilistische Vergleiche zwischen Millionen von Geschichten gezogen werden können. Abgerundet wurde der erste Workshop-Tag durch einen Abendvortrag von Kristina Busse von der University of South Alabama, in dem sie die gemeinnützige ›Organization for Transformative Works‹ (OTW) vorstellte, die als institutionelles Fundament für das größte Fanfiction-Internetarchiv, ›Archive of Our Own‹ (AO3), fungiert. Busse warf in ihrem Vortrag einen umfassenden Blick hinter die Kulissen einer Schlüsselinstitution der Entwicklung von Fanfiction in den letzten 20 Jahren, der eine lebendige Diskussion anstieß, der sich auch OTW-Gründungsmitglied Francesca Coppa anschloss.
Im Verlauf des zweiten Workshop-Tages ging es darum zu zeigen, wie Leser/-innen sich durch Fanfiction mit jahrhundertealter klassischer Literatur auseinandersetzen. Ein Close Reading-von All the Young Dudes, einer der populärsten Harry Potter-Fanfictions, eröffnete Einblick in den Bezug von Fanfiction auf literarischen und musikalischen Kanon. Darüber hinaus thematisiert wurde dialogische Ko-Kreativität zwischen Rezeption und Fanfiction. Ein weiterer Teil des Workshops widmete sich den kanonisierten Autoren Goethe und Schiller, wobei die Frage erörtert wurde, inwiefern Fanfiction trotz der progressiven Grundhaltung weiterhin gängigen Machtstrukturen unterliegt und somit einen weißen, männlichen Kanon reproduziert. Ein anderer Vortrag problematisierte die klischeehafte Annahme des ›Endes der Literatur‹ infolge der Digitalisierung, während auf Literaturplattformen wie Wattpad.com oder Fanfiction.net vielfältige Literaturpraktiken aktiv gepflegt werden. Der abschließende Vortrag über die produktive Community der Harry-Potter-Fanfiction verdeutlichte anhand konkreter Beispiele, wie die langfristige Beobachtung von Online-Fanaktivitäten dazu beitragen kann, ein besseres Verständnis für die Entwicklung von Fandoms zu gewinnen.
Die verschiedenen Forschungsansätze, vielfältigen Perspektiven und die darauf folgenden lebhaften Diskussionen der beiden Tage verdeutlichten die Schlussfolgerung von Sarah Schnitzler und Jochen Walter aus ihrem einleitenden Vortrag: Die Sammlung von Fanfiction im Deutschen Literaturarchiv Marbach stellt im Kontext der bereits vorhandenen kanonischen Literatur eine wertvolle Erweiterung dar, in der sich Fanfiction und kanonische Literatur in einer wechselseitigen Beziehung gegenseitig beleben.
Daniela Rohleder
Foto: DLA Marbach.